Bischof Stecher Gedächtnisverein

Hirtenbrief zu Adventopferaktion "Bruder in Not"

15. November 1983

Liebe Gläubige!

Das Kommen Jesu Christi in den Adventtagen des Jahres 1983 vollzieht sich auf verschiedene Weise.

Er kommt zu uns in den Texten des Alten und Neuen Testaments, in den vertrauten Liedern und im Kerzenlicht des Kranzes.

Er kommt zu uns in der Stunde der Besinnung und Umkehr in der Beichte und im tiefen Geheimnis der Eucharistie.

Er kommt aber auch auf eine fast schockierend realistische Weise zu uns: Er klopft an unsere Tür als Bruder und Schwester in der Not! Er tritt vor uns hin mit den Blicken ausgezehrter Kranker, für die jede Medizin und ärztliche Hilfe unerreichbar sind. Er tritt vor uns hin mit den mageren Armen und Beinen hungernder Kinder und mit den schmutzigen Händen derer, die verzweifelt nach Wasser wühlen. Er tritt vor uns hin mit der stummen Bitte derer, die mit eigener Kraft ihre Schwierigkeiten angehen wollen, aber eben ein einfaches Zentrum zur Bildung ihrer Menschen brauchen, damit von dort vielfacher Segen ausgehen kann.

Und so bitte ich Euch, nehmt diesen Christus des Jahres 1983, der in den verschiedenen Gestalten des „Bruders in Not“ an unsere Türen klopft, wieder so großzügig auf wie in den vergangenen Jahren.

Es ist ja so, dass sich in unserer Zeit die Wellen der Not überstürzen. Seitdem die drei ·Hauptanliegen formuliert wurden, sind schon wieder neue Katastrophen ausgebrochen. Aber es war noch immer so, dass wir dank der großzügigen Hilfe der Menschen in unserem Land nicht nur die Hauptanliegen finanzieren konnten, sondern vieles andere darüber hinaus.

Von den drei Hauptprojekten gilt das erste einem Teil der Welt, der - was die medizinische Betreuung betrifft - zu den weißen Flecken der Landkarte zählt. Es handelt sich um ein Gebiet im Massailand in Tanzania, wo die Leute um ein Medikament oft bis zu 200 km gehen müssen. Ein österreichischer Priester und Arzt namens Dr. Herbert Watschinger, der väterlicherseits aus Südtirol stammt, hat dort einen „fliegenden-Arzt-Dienst“ eingerichtet, der nun mit unserer Hilfe ausgeweitet werden soll. Das bedeutet die Rettung für viele Menschen.

Das zweite Projekt führt uns nach Südamerika. Dort leiden wie in anderen Ländern der dritten Welt die Menschen an den Folgen einer schrecklichen Dürre. Die an sich schon armen „Campesinos“ haben einen Großteil der Ernte verloren. Nun hat der Bischof der Diözese Puno ein „Notkomitee wegen der Dürre“ gegründet. Wir werden ihm diese Hilfe gerne gewähren: Es geht um den Ankauf von Nahrungsmitteln und die Durchführung einiger längerfristiger Projekte zur Linderung der Not.

Das dritte Projekt wandert wieder nach Afrika. Es betrifft einen Hunger besonderer Art, nämlich den nach Bildung. Die Kirche von Lusaka in Zambia braucht ein Zentrum, wo das vermittelt werden kann, was zum überleben der Menschen und zum Leben der Kirche einfach dringend notwendig ist. Hier geht es also darum, den Menschen zu helfen, dass sie sich helfen können.

Die drei Projekte werden insgesamt eine Summe von etwas über drei Millionen benötigen. Liebe Gläubige! Für mich persönlich waren die vergangenen Wochen vor allem vor der Begegnung mit der Weltkirche in Rom geprägt und damit auch von der Begegnung mit der Not der Welt.

Ich habe erfahren, dass das. Wort „Österreich“ vielerorts einen guten Klang hat. Nicht nur wegen des großartigen Katholikentages, der ein weltweites Echo gefunden hat, sondern vor allem auch deshalb, weil dieses Wort für viele Menschen ein Symbol der Hilfsbereitschaft geworden ist. Eigentlich dürfen wir uns darüber mitten in einer Welt, die von Krieg und Gewalt geprägt ist, freuen. Ob Österreich wirklich „einem starken Herzen gleich“ in der Mitte des Erdteils liegt, wie es in unserer Bundeshymne heißt, wage ich nicht zu behaupten. Aber es wäre schon wunderbar, wenn es ein Land der guten Herzen wäre, die sich für das Leid im eigenen Land und in der Fremde öffnen, die die Türe aufmachen für den Herrn, der zu uns kommt - als „Bruder in Not“.

 

Innsbruck, 13. November 1983

Reinhold Stecher

Bischof von Innsbruck

 

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