Bischof Stecher Gedächtnisverein

Fastenhirtenbrief

16. Feber 1983

Liebe Gläubige!

Dieses Jahr 1983 bringt der Kirche Österreichs als äußeres Ereignis Katholikentag und Papstbesuch. Aber wenn ein derartiger festlicher Anlass seinen Sinn wahren will, müsste es auch innerlich in der Kirche der Heimat so etwas wie einen Aufbruch des Geistes geben. Und so möchte ich diese Worte am Beginn der Fastenzeit weniger als Predigt verstanden wissen, denn als Gebet, das uns alle ergreifen soll: Komm, Heiliger Geist!

Wir brauchen heute als Christen den Heiligen Geist zunächst als nüchterne Gabe, als Heiligen Hausverstand.

Wir empfinden den Föhnsturm als Wohltat, wenn er wieder einmal die trübe Schicht von Rauch und Abgasen, die über dem Inntal und der großen Stadt lagert, auseinanderjagt und den Blick zu den Höhen freigibt. So ähnlich brauchen wir heute manchmal. in unserer Gesellschaft und in der Kirche den Geist Gottes als klärendes Wehen, als Geist der Wahrheit.

Es ist ja gar nicht leicht, in einer Gesellschaft mit so vielen verschiedenen Ansichten, Strömungen und Initiativen zurechtzukommen. Wir werden ja täglich durch die moderne Informationstechnik mit allen möglichen Problemen überschüttet, die auch Weltanschauung und Gewissen berühren. Es ist gar nicht leicht, immer gleich zu erkennen, wozu man ja sagen kann, wo man Vorbehalte anmelden muss, wo ein klares Nein verlangt ist - und wo man am besten schweigt, weil jedes Wort eine Propaganda für irgendeinen Unsinn wäre. Diese Urteilsfähigkeit hängt unter Umständen gar nicht mit großer Gescheitheit und Bildung zusammen, sondern den persönlichen Grundhaltungen, dem Charakter des Menschen - und mit der Gabe des Heiligen Geistes. Darum haben einfache Menschen so oft ein bemerkenswert treffendes Gefühl für die Wahrheit. Darum hat Christus ja auch gesagt: „Vater, ich danke Dir, dass Du es den Weisen und Klugen verborgen, den Kleinen aber geoffenbart hast.“ Wir brauchen die nüchterne Gabe des Heiligen Geistes, den christlichen Hausverstand, auch im religiösen Leben.

Hier gibt es zum Beispiel in unserer Zeit bei manchen eine merkwürdige Anfälligkeit für Extreme und Absonderlichkeiten. Man verlässt den schlichten Weg des Glaubens, der anscheinend zu wenig Sensationen bietet, und will unbedingt eine Fahrkarte für die fromme Geisterbahn erwerben. Man stürzt sich auf unbewiesene Privatoffenbarungen und phantastische Erscheinungen, Geheimbotschaften und angeblich unfehlbar wirkende Gebetsrezepte. Verbunden mit einem übertriebenen Traditionalismus bereiten diese Strömungen das Feld für die Sekte. So wurde neulich in Osttirol ein Postwurf versandt, in dem mit heftigen Angriffen auf die Kirche behauptet wird, dass der wahre Papst in irgendeinem Winkel der Welt aufgetaucht sei, während Papst Johannes II. nur ein verkappter Kommunist wäre. Nach dem, was bisher an Hintergründen des Papstattentates bekannt wurde, nimmt sich die letztere Behauptung besonders unsinnig aus. Das wirre Spiel der Sekten ist zwar nichts Neues, aber wir brauchen Gottes Geist als heiligen, nüchternen Hausverstand, damit wir vor dem Einbiegen in derartig verhängnisvolle Sackgassen bewahrt bleiben.

Es gibt aber bei uns nicht nur den Trend zur religiösen Übertreibung und Phantastik, der sich gerne den Mantel des Traditionsbewusstseins umhängt, es gibt auch das Gegenteil: eine Neigung zur religiösen Unterernährung und Verdünnung der christlichen Botschaft. Diese Richtung möchte meist gerne den Eindruck von besonderer Fortschrittlichkeit erwecken. Sie reduziert das Christentum nur noch auf gesellschaftskritische und politisch-soziale Aktion, gibt das Vertrauen auf bestimmte Lösungsmodelle für die Probleme der Welt einfach als christliche Hoffnung aus und sieht das Wesen der Religion nur noch in horizontalen, rein innerweltlichen Zielsetzungen. Dabei vergisst man aber auf die eine grundlegende Wahrheit, dass wir Menschen mit allen Fasern unseres Wesens Gott brauchen und seine Güte und Gnade. Die soziale Aktion der Mutter Teresa, die ja weltweites Echo gefunden hat, verfällt dieser gefährlichen Einseitigkeit nicht. Da wächst der Dienst an der Welt und am Nächsten aus der Tiefe der Begegnung mit Gott. Auch dafür brauchen wir den Heiligen Geist als Heiligen Hausverstand, dass wir die rechte Mitte von Gottes und Nächstenliebe finden, und nicht auf diese verkürzten Ausgaben des Christentums hereinfallen, die heute im modischen Einband feilgeboten werden. Wir haben heute wirklich Gottes Geist nötig, damit wir kraftvoll aus der Wahrheit leben können.

Und weiters muss Gottes Geist zu uns kommen als heiliges Miteinander.

Vielleicht erinnern wir uns noch an den Versuch in der Schule, mit dem uns der Lehrer die Geheimnisse des Magnetismus erklärt hat: Wie die vielen Eisenspäne wirr auf der Platte gelegen sind, und wie dann der darüber gehaltene Magnet dieses wirre Durcheinander geordnet und zu einem Ziel hin ausgerichtet hat. So muss heute der Geist über unsere Kirche kommen, damit wir wieder zu einem echten Miteinander gezogen und geformt werden. Wir brauchen den Geist der Einheit.

Das ist notwendig, weil es zum Beispiel so etwas wie eine Privatisierung der Religion gibt. Man behandelt dann das Glaubensbekenntnis und die Gebote Gottes wie eine Speisekarte im Restaurant. Man sucht sich die Wahrheit, die einem schmeckt, und die sittlichen Verpflichtungen, die einem passen. Bei der Zusammenstellung dieses religiösen Menüs steht natürlich das Wort Gottes und die Kirche im Wege. Beide beteuern, dass die Wahrheit nicht nur aus ansprechenden Delikatessen besteht. Die Privatreligion ist aber zunächst der angenehmere Weg, und so distanziert man sich innerlich von der Gemeinschaft Jesu Christi. Damit erlischt nicht das religiöse Leben, es ist das Suchen und Sehnen da, aber alles religiöse Tun erhält mehr den Charakter der Laune und des sporadisch auftretenden Anfalls, aber nicht mehr den der lebensbegleitenden Kraft und der heiligen Verpflichtung. Man geht seine Wege. Der Mensch kann aber auf die Dauer allein weder fromm noch anständig sein. Er braucht einfach die Gemeinschaft, gerade in einer so aufgelösten pluralistischen Welt. Und deshalb muss heute durch unsere Reihen das große Händesuchen und Händeergreifen gehen, ein neuer Geist des Miteinander, des Sich-Kümmerns um den anderen und des Zusammenstehens im Glauben. Dieser Geist weht durch lebendige Pfarrgemeinden, durch das Suchen von Kontakten und Begegnungen. Auf dieser Ebene liegt das neue Miteinander von Priestern, Ordensleuten, Diakonen, Kommunionhelfern, Pastoralassistenten, Firmhelfern, Erstkommunion-betreuern, Religionslehrern, Eltern, Pfarrgemeinderäten und Helfern in der Jugendarbeit. Wir brauchen heute das Miteinander von alt und jung in katholischen Gliederungen, Vereinen und Organisationen. Es braucht ein heiliges Miteinander in den vielen spirituellen

Gruppen, die geistige Heimat bieten können. Wir benötigen den Geist des Miteinander in den ökumenischen Kreisen, die in unserer Diözese entstanden sind, und in den Bemühungen um die Außenseiter, die am Rande der Gesellschaft und der Kirche leben. Auch der Bischof muss um dieses Miteinander bitten - und gleichzeitig darf ich heute für die vielfache Erfahrung dieses Miteinander nach vielen Seiten hin danken.

In besonderer Weise müssen wir aber in dieser Weltstunde, liebe Brüder und Schwestern, um den Heiligen Geist als Geist der Freude bitten.

Wenn ich bei Nacht über Land fahre, denke ich oft daran, dass die weißen und roten Reflektoren an den Straßenrändern, die eine so große Hilfe für Sicherheit und Orientierung sind, von Tirol aus in alle Welt exportiert wurden. Ich glaube nun, dass wir Christen genau das in unserer Welt sein müssten: Reflektoren, Menschen, die Freude widerstrahlen.

Denn viele gehen auf dunklen Straßen. Ich möchte damit sagen, dass die Verdüsterung der seelischen Landschaft, die Depression, die Erkrankungen des Gemüts, die Sinnlosigkeits-, Einsamkeits- und Verlassenheitsgefühle zunehmen. Und da ist mit Analyse, Kritik und Maßnahmenpaketen aller Art, so wichtig das sein mag, allein nicht geholfen. Es braucht Menschen mit innerer Freude, mit Ausstrahlung aus der Tiefe. Und diese Freude kann man ebenso wenig produzieren, wie wir auch die Hoffnung nicht produzieren können. Das Leuchten dieser Freude stellt sich als Geschenk ein, wenn wir selbst von der Versöhnung und Beheimatung in Gott, vom echten Helfenwollen und vom Sinn des Daseins ergriffen sind. Wir können mit unserer schwachen Batterie nicht viel Helle ins Dunkel strahlen, aber wir sind Reflektoren, die der große Scheinwerfer anblitzt, Er, der das Licht der Welt ist.

So wollen wir hoffen und beten, dass das Kommen des Geistes alle äußeren Ereignisse der Kirche überstrahle. Komm, Geist der Wahrheit, zu uns als heiliger Hausverstand!

Komm, Geist der Einheit, zu uns als heiliges Miteinander!

Komm, Geist der Liebe, in unsere Herzen als heilige Freude im Dunkel der Zeit. Amen.

 

Innsbruck, Aschermittwoch, den 16. Februar 1983

Reinhold Stecher

Bischof von Innsbruck

 

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