Bischof Stecher Gedächtnisverein

Fastenhirtenbrief

10. Feber 1982

Liebe Gläubige!

Mit diesem Hirtenwort zur Fastenzeit des Jahres 1982 spreche ich ein Thema an, das weder sensationell noch populär, noch modern in dem Sinne ist, dass man es überall gern hören möchte. Und doch weiß ich, dass es der Wille des erlösenden Gottes, unseres Herrn selbst ist, davon zu sprechen. Ich weiß auch, dass dieses so intime und leise Thema grundlegend ist für unsere menschliche Reife und die Echtheit unseres Christseins: Es geht um die Umkehr und Heimkehr des Herzens zu Gott.

Vielleicht darf ich zur näheren Erklärung einen Vergleich aus unserem täglichen Leben bringen: Wir kennen alle das Problem der Abfallbeseitigung und der Abwässerreinigung. Unsere Gemeinden müssen gewaltige Summen investieren, damit sie dieses Problem der Wegwerfgesellschaft in den Griff bekommen. Von diesen großen Summen sieht man äußerlich gar nicht viel. Der größte Teil des Aufwandes liegt unter der Erde. Und doch ist das alles eine notwendige Voraussetzung für ein gesundes Leben.

Es gibt auch ein Müllproblem der Seele, das bewältigt werden muss - und das ist die Frage unserer Schuld. Damit wir uns beim Worte „Schuld“ recht verstehen: Hier sind nicht depressive Störungen gemeint, nervöse Schuldgefühle, deren Hintergründe und Ursachen man selbst oft nicht recht durchschauen kann. Ich meine auch nicht die quälenden Selbstvorwürfe eines Skrupulanten, der zwanghaft immer um dieselben Punkte kreist und keine Ruhe finden kann. Diese Dinge, unter denen der Mensch schwer leiden kann, gehören mehr in den Bereich der seelischen Gesundheit als des Gewissens.

Nein, hier ist die echte Schuld gemeint, ein Verhalten, ein Tun oder ein Unterlassen, das wirklich meine Verantwortung berührt hat, wo ich erkennen kann: Es war nicht recht, und du hast's trotzdem so gemacht! Jeder Mensch, der überhaupt zur Verantwortung fähig ist, erfährt auch da und dort die Last der Schuld. So sind wir leider. Der gläubige Mensch sieht seine Schuld vor Gott und seiner heiligen Ordnung, und nennt sie Sünde. - Unsere ganze Gesellschaft und wir als einzelne sind alle darauf aus, Schuld und Sünde bis zum Nichts herunter zu bagatellisieren. Aber das ändert nichts.

Wir Menschen entwickeln viele Tricks, um Sünde und Schuld aus dem Bewusstsein zu verdrängen. Wir stürzen uns in Lärm und Betrieb, damit wir nicht zum Nachdenken über uns selbst kommen. Wir können unsere Schuld zerreden und solange wegschwätzen, bis wir selber glauben, dass wir höchstens arme Opfer, aber nie Verantwortliche sind. Und eine der beliebtesten Formen der Schuldverdrängung ist die intensive Auseinandersetzung mit der Schuld der anderen. So nötig hie und da Kritik ist - wir überschlagen uns oft in Kritikbereitschaft, wir weiden uns an Skandalen, wir empören uns ständig an der Schlechtigkeit der Zeitgenossen - und empfinden dabei einen verborgenen, süßen Trost: Da bist du ja noch viel besser! Ein Sprichwort aus Afrika sagt: Das Böse ist ein Hügel. Jeder steht auf seinem und zeigt auf einen anderen.

Aber mitten in alle diese Mätzchen und Ausreden hinein ertönt der Ruf des Herrn zur Umkehr. Christus hat immer gewusst, dass dieser Aufbruch zur inneren Ehrlichkeit, zum Bedauern und Bereuen und Bessermachen kein leichter Schritt ist. Darum war er auch mit jedem, der diesen Schritt versucht hat, so gütig: Mit der Sünderin, der Ehebrecherin und dem Terroristen am Kreuz. Darum hat er auch gesagt: „Wahrlich, ich sage euch, im Himmel ist über einen Sünder, der umkehrt, mehr Freude als über 99, die sich für gerecht halten!“ - Aber er hat die Umkehr verlangt, als notwendige Voraussetzung zum Heil. Er hat nie eine Erlösung zum Nulltarif verkündet. Es gibt keine billigen Hintertürchen zum Heil.

Aber er hat uns die Umkehr doch wieder leicht gemacht, weil er sie uns als Heimkehr zu einem Vater schildert, der mit geöffneten Armen wartet. In der schönsten Erzählung des Neuen Testaments, im Gleichnis vom Verlorenen Sohn, ist unser Thema in ergreifender Schlichtheit und Tiefe dargestellt. Da ist die Rede von der Arroganz und Selbstherrlichkeit des Menschen, dem Weg in die Lust und in die Leere, und dem Weg vom Schweinetrog bis heim zum Vater. Die ganze Reise des Menschen und der Menschheit ist drin, der Irrweg, die Umkehr und die Heimkehr.

Aber Christus wollte, dass diese Erzählung für uns mehr sein sollte als eine schöne, trostvolle Geschichte. Das alles soll bei uns immer wieder Wirklichkeit werden. Und darum hat er uns das Sakrament der Umkehr und Heimkehr, die heilige Beichte geschenkt. Er wollte, dass wir's uns von der Seele reden - so wie er ja auch von Mensch zu Mensch gesprochen hat. Er wollte, dass wir wirklich seine Worte hören können: Deine Sünden sind dir vergeben! Er wollte, dass wir den Handschlag Gottes mit einer frohen Gewissheit in der Seele spüren - vielleicht ist das ein gutes Bild für das Wesen des Sakraments der Umkehr: Handschlag Gottes, menschlich erfahrbare Begegnung mit dem verzeihenden Herrn. Denn darüber müssen wir uns im klaren sein: Nur er allein kann letztlich mit dem Müll der Seele, der Schuld, abfahren, während wir ihn höchstens in irgendwelche Winkel verplündern. Bezüglich des großen Problems des Atommülls wurde schon oft gesagt, die sicherste Beseitigung wäre, wenn man ihn in die Unendlichkeit des Weltraums schießen könnte. Nun, den gefährlichen Atommüll unseres Herzens, die lastende Schuld, können wir tatsächlich in die Unendlichkeit des barmherzigen Gottes schleudern.

So wollte ich Euch, liebe Gläubige, in dieser heiligen Fasten- und Osterzeit zur Haltung und zum Sakrament der Umkehr und Heimkehr einladen.

Es ist nicht leicht – aber es ist wirklich ein Beitrag zur eigenen persönlichen Reife, wenn wir uns von den Tricks der Verdrängung und des Überspielens der eigenen Schuld abwenden.

Es ist eine Sache, die im Verborgenen unseres Herzens geschieht, aber sie hat auch eine große Bedeutung nach außen: Denn die gelöste Schuld wird fast immer zum Segen für andere, weil wir selbst freier werden, während die ungelöste Schuld zum Dynamit in den zwischenmenschlichen Beziehungen wird.

Und im Ruf zur Umkehr und Heimkehr hören wir unmittelbar die Stimme des Erlösers, der es aus ganzem Herzen gut mit uns meint. Die Umkehr und Heimkehr ist der Weg in die Freude des Ostertags.

 

Innsbruck, im Februar 1982.

Reinhold Stecher

Bischof von Innsbruck

 

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