Bischof Stecher Gedächtnisverein

Fastenhirtenbrief

1981

Liebe Gläubige!

Vielleicht mag es etwas anmaßend erscheinen, wenn ein Bischof im ersten Hirtenbrief seinen persönlichen Wahlspruch zur Betrachtung vorstellt. Aber ich glaube, dass die beiden Worte „dienen und vertrauen“ nicht nur eine private Bedeutung haben, sondern Haltungen ansprechen, die irgendwie jeden von uns und die Kirche als Ganzes betreffen. Es sind ja keineswegs billige Modeschlagwörter, sondern Einstellungen, zu denen uns der Herr selbst gerufen hat, wenn Er etwa sagt: „Wer unter euch der Größte sein will, der sei der Diener aller ...“ und: „Habt keine Angst! Glaubt an Gott und glaubt an mich ...“

Das erste Wort heißt „dienen“.

Die Weltstunde ruft nach einer dienenden Kirche. Es gab Zeiten, in denen die Kirche im Abendland mächtiger, einflussreicher und beherrschender war als heute. In unserer Epoche bestimmen viele andere Kräfte das Leben der Gesellschaft, und manches davon stimmt nicht mit dem überein, was man christlich nennt. Und hie und da gibt es auch Bestrebungen, den Glauben aus dem öffentlichen Leben hinauszudrängen und ihm nur noch Sakristei, Brauchtum und Friedhof zu überlassen. Aber gerade diese Welt von heute hat einen doppelten Dienst der Kirche dringend nötig, für den ich ein Bild aus dem Bereich unserer Wohnung wählen möchte: den Heizkörper und das Fenster. Beides ist unauffällig, aber unentbehrlich. Am Rande unseres Wohnraumes steht der Heizkörper, den wir in diesem strengen Winter besonders zu schätzen wissen. So braucht auch diese Welt dringend den Dienst der wärmenden Liebe. Denn durch unsere Gesellschaft geht auch eine Art Eiszeit. Das ist eine Tatsache, die die Lebenserfahrung und die wissenschaftliche Untersuchung feststellt: Wir haben an Tüchtigkeit, Technik und Organisation gewonnen, an Herzlichkeit aber eher verloren. Mit der immer stärker werdenden Zusammenballung der Menschenmassen geht die Fähigkeit, mitzufühlen, mitzuleiden, sich in den anderen hineinzudenken und sich des anderen anzunehmen, eher zurück. Das gilt auch für ein Land des Massentourismus und des brodelnden Verkehrs wie das unsere. Wir müssen die dienende Liebe wachhalten und entfalten, wenn es im Raum der Gesellschaft einigermaßen menschlich zugehen soll. Und darum muss die Kirche immer wieder den Behinderten, den Kranken, den Heimatlosen, den Flüchtling, den Verfolgten, den Hungernden, den Einsamen, die kinderreiche Familie und den in unserem Staate recht- und schutzlosen Ungeborenen in die Mitte stellen. Es ist etwas Erfreuliches, dass der Appell für diese Vergessenen zunehmendes Echo findet. Je kälter es wird, umso mehr muss man den Heizkörper auf drehen.

Der zweite Dienst der Kirche an der Gesellschaft ist der des Fensters. Jeder von uns schätzt sich glücklich, wenn er ein Fenster mit einem Ausblick ins weite Land besitzt. Der Mensch braucht diesen weiten Ausblick auch im übertragenen Sinn. Er braucht die Horizonte gültiger sittlicher Werte, die Bergketten der ewigen Wahrheiten, den Blick auf die aufgehende Sonne des erlösenden Gottes. Aber die Mentalität unserer Zeit zieht vor diesen Herrlichkeiten die Vorhänge zu. Da gibt es für manche den Vorhang des ungebremsten Besitztriebes, den schweren Damast des Immer-noch-reicher-sein-Wollens, die billig-bunten Drucke der Oberflächlichkeit, des Nurvergnügens ohne Verpflichtung, und viele andere Vorhangstoffe, die schreienden Muster der Sensation und die grauen Schleier der Depression. Die Kirche muss versuchen, diese vielen Vorhänge immer wieder auf die Seite zu streifen und den Blick auf das Wesentliche frei zu machen. Das ist der Dienst an der Wahrheit. Unzählige von uns stehen in diesem großen Dienst: die Eltern in der Familie, die Helferin für den Erstkommunionunterricht, der Lehrer in der Schule, der Priester vor dem Mikrophon, der Redakteur und der Abonnent der guten Presse, der Helfer in der Pfarrbibliothek und der Vortragende im Bildungswerk, der Professor auf der Hochschule und der predigende Papst.

In diesem doppelten Sinn muss also die Kirche heute dienen: als Fenster und als Heizkörper, im Einsatz für die Wahrheit und im Ausstrahlen von Liebe.

Die Grundeinstellung des Dienens ist aber auch für uns persönlich wichtig. Der Weg des Dienens führt in die innere Freiheit und damit auch in die Möglichkeit menschlichen Glücklichseins. Es gibt viele Reklametafeln, die von Freiheit und Glück sprechen: Selbstentfaltung, Emanzipation, kritisches Bewusstsein, Gesellschaftsveränderung, raffinierte Meditationspraktiken und anderes mehr. Meist wird aber eines verschwiegen: dass nämlich der Mensch innere Freiheit und dauerhaftes Glück nicht finden kann, solange er um sich selber kreist. Wer sich für andere bindet, wird frei. Wer auf die Freude anderer bedacht ist, gewinnt selbst Freude. Wer dienend im Leben steht, distanziert sich vom Macht- und Nutzdenken. Der Dienende steht gelöster im Dasein.

Christus selbst hat für sich den Weg des Dienens gewählt: „Der Menschensohn ist nicht gekommen, um sich bedienen zu lassen, sondern zu dienen.“ Und unter den Erlösten nimmt jenes Mädchen die erhabenste Stelle ein, das gesagt hat: „Siehe, ich bin die Magd des Herrn...“

Das zweite Wort heißt „vertrauen“.

Mir scheint, dass wir uns dieses wunderbare Wort heute alle von neuem ins Herz sagen müssen. Vielen fehlt das Gefühl des Geborgenseins. Vor hundert Jahren hat Friedrich Nietzsche die Situation des Menschen der Zukunft prophetisch in einem Gedicht vorausgesagt: Weh dem, der keine Heimat hat! Für jeden, der Tiere liebt, ist der aus dem Nest gefallene kleine Vogel in seiner Hilflosigkeit eine Tragödie. Heute fallen viele Vögel aus dem Nest. Wenn ein Mensch in eine Welt mit wenig Herz hineingeboren wird - und das trifft viele - dann tut er sich schwer, Menschen zu vertrauen. Wie soll er Gott vertrauen können? Darum darf ich als Bischof nicht müde werden, immer wieder daran zu erinnern, dass das tiefste Geheimnis unseres Glaubens von jenem unendlichen Meer der Liebe des Vaters, des Sohnes und des Heiligen Geistes kündet, das alle Welt und ihre Geschicke und auch unser kleines Leben umströmt. Und dieser Strom der bergenden Liebe vergisst keinen und verachtet keinen. Wir werden von diesem gütigen Gott gehalten und umarmt, auch wenn wir Sünder und Blinde sind. Wir müssen uns nur im Glauben öffnen und sagen: Ich vertraue auf Dich! Das ist der innerste Kern aller Religion. Die Geschichte vom verlorenen Sohn erlebt in unserer Zeit viele Neuinszenierungen, von der arroganten Erbschaftsforderung bis zum Vergnügungscenter und zum Schweinetrog. Aber es wird auch immer wieder zur ergreifenden Schlussszene kommen. Dafür wird Gottes Gnade sorgen. Wir müssen vertrauen, Er hat uns dazu aufgerufen.

Liebe Gläubige! Mit der Fastenzeit treten wir unter das Zeichen des Kreuzes. Es besteht aus dem waagrechten und dem senkrechten Balken. Ich glaube, dass die beiden Haltungen des Dienens und des Vertrauens diese Linien nachzeichnen: Das Dienen ist der Querbalken, die Horizontale, die ausgebreiteten Hände, die Liebe zum Menschen. Das Vertrauen weist auf die Senkrechte, den Aufblick zum Vater, die Verankerung im Ewigen, die Liebe zu Gott. So sind wir als dienende und vertrauende Menschen in unserem Erlöser geborgen.

 

Gegeben zu Innsbruck, im Februar 1981

Reinhold Stecher

Bischof von Innsbruck

 

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