I: Helfen Sie mir bitte aus der Verlegenheit. Es fällt mir schwer, für Sie die richtige Anrede zu finden. Ich kann mich erinnern, dass Sie im Buch der Sprüche des Alten Testaments sozusagen persönlich auftraten, um an den Straßenkreuzungen und in den Toren der Stadt zu sprechen. Das ist allerdings schon zweieinhalbtausend Jahre her. Darf ich die Anrede „Frau Weisheit“ von dort übernehmen?
Weisheit: Bitte sehr. Im Übrigen widerspricht es meinem tiefsten Wesen und meiner Identität, mich um Anreden und Titel zu kümmern. Bleiben Sie ruhig bei „Frau Weisheit“.
I: Mit der Erwähnung der Identität haben Sie mir das Stichwort gegeben. Viele Menschen haben von Ihrem Wesen etwas vage Vorstellungen. Manche haben damit kokettiert, dass sie in vorgerückten Jahren „kein bisschen weise“ sein wollen – mit einer leisen Verachtung dieses Wortes, so etwa, als wäre Weisheit gleichbedeutend mit dem Verlust von Jugend, Vitalität und Spontaneität, also so etwas wie Zahnprothese und Hörapparat. Wieder andere rücken Sie in die Nähe eines Guru, der vor elitärem Publikum tiefsinnig esoterische Sprüche abgibt. Wie, Frau Weisheit, würden Sie sich selbst beschreiben?
Weisheit: Ich habe es immer geliebt, in Bildern zu sprechen. So will ich das auch jetzt versuchen. Sie kennen von jeder Nachtfahrt her die Bedeutung der Autoscheinwerfer. Sie sind unentbehrlich, erhellen aber keineswegs alles. Vieles rundherum bleibt im Dunkel. Aber sie lassen aufleuchten, worauf es ankommt: Leitlinien, Begrenzungen und Randsteine, Mahntafeln zur Herabsetzung der Geschwindigkeit, Warnungen vor Glatteis und Baustellen, Orientierungstafeln, Ziele, Abzweigungen und die Rückstrahler anderer Fahrzeuge, die man nicht überfahren darf. Die Scheinwerfer zeigen auch rechtzeitig die Kurven an, die das Gelände der Straße aufzwingt – mit roten und weißen Reflektoren.
Wenn Sie nun die nächtliche Autofahrt als Bild für die Lebensreise nehmen, dann verrät Ihnen der Scheinwerfer ein wenig meine Rolle, die Aufgabe der Weisheit. Ich erhelle nicht alles. Aber ich gebe ein Gespür für das, worauf es ankommt. Ich vermittle das, was wichtig ist, damit wir ans Ziel kommen. Ich bin der Scheinwerfer, der die Werte aufleuchten lässt, die das Leben tragen, und der auch den Blick für die Unwerte schärft, die es bedrohen. Ich ermuntere im rechten Augenblick zur Beschleunigung – und teile mit, wo man bremsen muss.
I: Aber, Frau Weisheit – ist Ihr Weg nicht gradlinig? Wenn Sie gültige Werte aufleuchten lassen – was sollen da die Kurven?
Weisheit: Die Grundwerte bleiben. Auch in den Kurven gelten Ziele, Randsteine und Begrenzungen (sie sind in den Kurven sogar noch verschärft, wie Sie vom Überholverbot wissen). Aber das Gelände der Welt- und Kirchengeschichte verlangt unter Umständen neue Akzente. Denken Sie nur zum Beispiel daran, dass die Bewahrung der Schöpfung vor tausend Jahren nicht denselben Stellenwert hatte wie heute. Und Autorität braucht es immer, aber heute muss man sie etwas anders ausüben als zur Zeit Ludwigs des XIV. in Versailles. Und die pastorale Not der Kirche erfordert heute andere Zulassungsbedingungen zur Weihe als vor hundert Jahren. Auch das Kurvenfahren gehört zur Weisheit. Nur Traditionalisten und Fanatiker wollen immer geradeaus fahren. Aber ich gebe zu, dass Kurvenfahren eine besondere Kunst ist. Man muss sie fahren, nicht schneiden, wie es die Ungeduldigen tun – und dann scheitern.
I: Für mich ist auch Ihre Feststellung interessant, dass Sie nicht alles erhellen und auch gar keinen Wert darauf legen, alles zu erfassen. Manche nehmen doch an, dass Sie, Frau Weisheit, in allem versiert sein müssten – wie ein gründliches Lexikon …
Weisheit: Verwechseln Sie mich bitte nicht mit meinem Vetter, dem Wissen. Er muss alles sammeln, erforschen, erklären, einordnen, speichern, verfügbar und abrufbar machen – worin er ja Unglaubliches geleistet hat. Aber hie und da kommt er heimlich zu mir und klagt: „Ich verfüge über ganze Gebirge von erworbenem Wissen – und alle zehn Jahre werden die Halden um das Doppelte vergrößert. Aber offen gesagt – mir fehlt oft der Durchblick …“ Er ist natürlich in einer schwierigen Lage. Er muss mit seinem Partner, dem Fortschritt, eng zusammenarbeiten – und der weiß auch oft nicht genau, wohin die Reise geht. Wenn wir zusammenkommen, stellt sich dann doch heraus, dass man trotz allen Chips, Networks und wuchernder Informationstechnik den Scheinwerfer braucht, der das sichtbar macht, worauf es schließlich ankommt. Habe ich mich mit diesem Bild ein wenig verständlich gemacht?
I: Gewiss, Frau Weisheit. Aber noch eine Frage zu Ihren Scheinwerfern. Sind die eigentlich nur an den Wagentypen der Gebildeten montiert?
Weisheit: Keineswegs. Mein Scheinwerfer ist nicht an Intelligenzquotienten und Bildungsgrade gebunden. Kürzlich habe ich einen jungen Sozialhelfer getroffen, der hatte meinen Scheinwerfer auf seinem Moped. Hervorragende Ärzte kombinieren ihn mit der Beleuchtung des Operationssaals, Raumpflegerinnen bedienen mit seinem Licht den Staubsauger, stille Beter besitzen ihn beim schwachen Schein einer flackernden Kerze. Mein Scheinwerfer kennt keine Schichten und Kasten. Er kann überall da sein und überall fehlen. Wenn natürlich ein gebildeter Verantwortungsträger meine Scheinwerfer am Dienstwagen hat, ist das ein Glücksfall für die Gesellschaft.
I: Verzeihen Sie bitte, Frau Weisheit, wenn bei meiner nächsten Frage ein leiser Vorwurf mitklingt: Ist Ihr Auftreten in der Welt nicht zu leise, zu zurückhaltend, zu zaghaft? Sind Sie eigentlich erfolgreich? Ich meine, man müsste sich doch wünschen, dass Sie auf der großen Bühne der Welt die Rolle der unsichtbaren Souffleuse einnähmen, die in die Pannen das rettende Stichwort hineinruft?
Weisheit: Als Weisheit muss ich Sie daran erinnern, dass das Wort „Erfolg“ mit Vorsicht auszusprechen ist. Man hat in der Welt für das, was man „Erfolg“ nennt, meistens sehr kurze Messlatten. Was wirklich Erfolg ist, vermag auch ich oft nicht abzuschätzen. Aber er reicht über die Sterne …
Ich muss natürlich zugeben, dass ich in manchen höheren Etagen des gesellschaftlichen Einflusses und der Macht zeitweise unterrepräsentiert bin.
I: Wieso? Woran liegt das?
Weisheit: Das ist unter Umständen eine Platzfrage. Nehmen Sie zum Beispiel irgendeine Regierungssitzung in der weiten Welt her. Es weiß ja niemand, dass hinter den Sesseln der Teilnehmer eine unsichtbare Reihe von Stühlen steht, auf denen sehr einflussreiche Persönlichkeiten Platz nehmen, die immer wieder eingreifen.
Auf einem Eckplatz kauert sicher auch der gute Wille. Aber gleich neben ihm lässt sich eine blasse, neurotische Dame nieder: die Angst um die Macht. Dann wuchtet sich der schwergewichtige Herr Kapital in ein Fauteuil und neben ihn kuschelt sich sofort seine betuliche, flinke Sekretärin, das Geschäftsinteresse. In manchen Regierungen sitzt auf einem antiken Lehnsessel steif und feierlich das nationale Prestige. Und dann ist fast immer ein Herr da, der wie ein hungriges Frettchen überall seine Chancen wittert – der persönliche Ehrgeiz. Aber das ist noch nicht alles. Es gibt ein großes Geraufe um die unsichtbare Sitze.
I: Gibt’s noch mehr Bewerber?
Weisheit: Ja. Sehr häufig flegelt sich ein ganz unangenehmer Patron hin – der Populismus. Er hat ganz dicke Brillen, weil er schwer kurzsichtig ist. Und er verbreitet einen unangenehmen Bierdunst und rülpst so ordinär. Ich kann neben ihm nicht sitzen. Schwierig ist auch ein spitznasiges Fräulein, das die flinken Äuglein in die Runde huschen lässt und ein dickes Notizbuch hat, das viele fürchten: Es ist Madame Intrige. Und in allen demokratischen Gremien sitzt eine tiefverschleierte Dame. Niemand weiß genau, wie sie aussieht, aber alle schielen zu ihr hin und fürchten sie, obwohl sie kein Wort sagt.
I: Sie sprechen in Rätseln. Wer ist diese Dame?
Weisheit: Die nächste Wahl.
Und nun sehen Sie – bis diese geheimen Mächte alle ihren Platz haben, geschieht es oft bei diesem Gedränge, dass für mich kein Sessel übrigbleibt. Und so muss ich mich damit begnügen, den einen oder anderen der Entscheidungsträger vor der Tür abzufangen und ihm etwas zuzuflüstern. Hie und da habe ich Erfolg. Und wenn es mir gelingt, mit einem Volksvertreter in einen intensiveren Kontakt zu kommen – dann macht der in seiner Entwicklung einen Sprung.
I: Welchen?
Weisheit: Vom Politiker zum Staatsmann – oder der Staatsfrau, wenn Sie wollen. Aber jetzt verstehen Sie, warum ich es in den politischen Etagen gar nicht leicht habe.
I: Mit anderen Worten – Sie deuten an, dass die Völker mit einem verhältnismäßig geringen Aufwand an Weisheit regiert werden?
Weisheit: Das ist zwar hart ausgedrückt, aber manchmal kann man sich dieses Eindrucks nicht erwehren. Trotzdem bin ich von jeder Resignation weit entfernt. Ein großer Trost ist mir mein Bruder. Während ich mehr für die großen Horizonte zuständig bin, ist er mehr zupackend und praktisch und er hat auch in den verschiedensten Lebensbereichen beachtliche Erfolge. Wir ergänzen uns sehr gut. Oft macht er weiter unten etwas gut, was oben verkannt wurde.
I: Darf ich nach dem Namen Ihres Bruders fragen?
Weisheit: Es ist der Hausverstand …
I: Damit, Frau Weisheit, kommen wir zu Ihrer persönlichen, familiären Atmosphäre. Bei Ihnen als Weltbürgerin ist die Frage besonders interessant: Wo sind Ihre Wurzeln? Woher stammen Sie?
Weisheit: Wenn Sie so wollen, komme ich aus den jahrtausendealten Erfahrungen der Völker, den Einsichten vernünftiger Menschen, aus den Visionen großer Geister und aus dem, was Dichter erschauten, aus den Gebeten der wahrhaft Frommen und den bewährten Überzeugungen schlichter Herzen …
I: Darf ich das auch in einem Bild zusammenfassen? Sie sind also sozusagen ein reines Destillat aus den edelsten Früchten der Menschheit?
Weisheit: Sie schmeicheln mir. Man muss natürlich bedenken, dass man aus der Menschheit, so wie sie war und ist und sein wird – nie ganz reine Destillate gewinnen kann. Meine Wurzeln liegen noch etwas tiefer.
I: Wo denn, wenn ich fragen darf?
Weisheit: Sie bringen mich in Verlegenheit. Die Beantwortung dieser Frage geht für den Rahmen dieses Interviews zu weit.
Aber schlagen Sie das Buch der Weisheit auf und lesen Sie das 6. und 7. Kapitel. Dann wissen Sie, woher ich stamme.
I: Frau Weisheit, ich danke für das Gespräch!
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