Sie wissen doch – den letzten Abend, den man mit einem Menschen verbringen darf, wird man nie vergessen. Man wird sich an die Worte erinnern, die er noch gesprochen hat, und diese Worte wiegen schwerer als viele andere seines Lebens. Man wird seine letzten Wünsche festhalten und respektieren, man wird das letzte Lächeln bewahren, das über seine Züge gehuscht ist, und den letzten müden Schatten.
Das alles gilt auch für den letzten Abend des Gründonnerstags, den die Jünger mit dem Meister verbracht haben. Dieses Abendmahl ist selbst in der sparsamen Sprache der Evangelien geprägt von Einmaligkeit und Ergriffenheit, bis hinein in die tiefsten Winkel des Fühlens und die überlieferten Worte. Dieser Abend ist gefüllt mit dem Schlagschatten des Verrats und dem Wunder der Eucharistie, mit menschlicher Enttäuschung und herzlicher Brüderlichkeit, mit bewegender Dramatik und dem Flair des Unwiderruflich-Letztmaligen. An diesem Abend schreibt Jesus sozusagen sein Testament.
Aber selbst dieser Abend ist nicht von geradezu beschämender Lächerlichkeit verschont. Die Worte Jesu am Beginn „Mit großer Sehnsucht habe ich mich danach gesehnt, mit euch dieses Paschamahl zu feiern“ (dieser Text hat immer noch die originale aramäische Sprechweise) – diese Worte, die doch aufhorchen lassen, plätschern an den Jüngern vorbei. Sie streiten um die Plätze. Es ist das große Mahl, bei dem die gläubigen Juden als Zeichen ihrer Befreiung und ihrer Freiheit auf Polstern zu Tische lagen – wie die oberen Schichten der damaligen Gesellschaft. Darum streiten sie um die Plätze. Die Plätze bedeuten Ränge, Titel, Würden, Karrieren im zukünftigen Gottesreich, dessen Wesen sie nicht begriffen haben. Die Polster bedeuten Posten. Darum streiten sie um die Plätze. Jesus weiß, dass in dieser Nacht alles zur Erfüllung drängt, was die Jahrtausende ersehnt haben. Er weiß, dass die Befreiung aus Ägypten nur ein Vorspiel war, das Manna in der Wüste nur eine Vorspeise, der Wein von Kana nur ein Präludium. Er weiß, dass das himmlische Gastmahl, von dem er so oft gesprochen hat, nun geheimnisvoll beginnt.
Und sie streiten um die Plätze.
Er weiß, dass das Verhängnis des kommenden Tages schon seinen Schatten wirft, dass die Akteure seiner Vernichtung bereits am Werk sind und dass er einem sehr, sehr einsamen Sterben entgegengeht. Sie aber streiten um die Plätze! Auch das gehört zur Dramatik dieses Abends: Dass die Erhabenheit und die Lächerlichkeit so peinlich nahe beisammenstehen. Und wie oft werden sie noch zusammentreffen – in der Geschichte der Kirche: sakramentales Geheimnis und Karrieredenken, tiefsinnigste Botschaft und primitives Machtstreben, Reich-Gottes-Arbeit und platter Ehrgeiz, Hüten der ewigen Wahrheit und Wahren des höchst irdischen Geltungsstrebens? – Es geht nicht nur um die kleinkarierte Problematik rund um die Polster des Abendmahlsaals, Jesus weiß, dass sein Werk und seine Kirche immer mit dieser Kombination von göttlichem Lieben und menschlicher Armseligkeit konfrontiert, belastet und bedroht sein werden.
Und so lesen wir: „Da stand er vom Mahle auf, legte sein Obergewand ab, nahm ein Leinentuch und band es sich um. Darauf goss er Wasser in eine Schüssel und fing an, den Jüngern die Füße zu waschen. Und mit dem Tuch, mit dem er umgürtet war, trocknete er sie ab …“
Dieses Ritual war nun ausgesprochen schockierend. Füße waschen war niedrige Sklavenarbeit. Ausgerechnet an dem Abend, an dem jeder gläubige Jude vom Hochgefühl des Auserwähltseins, des Nicht-mehr-Sklave-sein-Müssens, der Würde und der Freiheit Israels erfüllt war, legt der Meister ein so unwürdiges Intermezzo ein. Petrus protestiert. Aber vergeblich. Jesus sagt ihnen vornehm, aber unerbittlich, was er von Amt, Verantwortung und Führungsrolle in der Kirche hält: Das kann und darf nur dienend sein – und wenn es das nicht ist, gleitet es ab in die skurrile Lächerlichkeit einer Polster- und Diwanstreiterei. Dienendes Amt ist immer in Abwehrreaktion gegen Eitelkeiten und Machtkomplexe, will immer zuwendend, geduldig, erklärend, helfend, einfühlsam und werbend sein – mit einem gesunden Schuss Selbstvergessenheit.
Es gibt viele Christusbilder. Das großartige des Allherrschers, der Weltkugel und Szepter in den Händen hält. Das milde des guten Hirten, der das Schaf auf der Schulter trägt. Am Gründonnerstag aber ist das Bild des Weltenschöpfers mit der Waschschüssel und dem Handtuch besonders einprägsam. Jesus wollte es als Leitbild für alle Zeiten in seinem Testament festgehalten wissen. Diese eindrucksvolle Geste war ihm wichtiger als tausend andere Dinge, die wir als dringend für die Kirche der Zukunft bis in das Heute erachtet hätten. Es wäre doch so viel zu regeln und zu erklären gewesen, was später Probleme gebracht hat. Er aber lässt die letzten Minuten des Beisammenseins mit dieser Waschprozedur verstreichen, mit der Sorge um ein paar dreckige Füße. Gab es wirklich nichts Wichtigeres zu tun?
Aber der Sohn Gottes hat mit dieser völlig prosaischen und unrühmlichen Prozedur über das Amt in der Kirche eindrucksvoller gepredigt, als wenn er eine Vortragsserie über die Autorität in zehn Mikrofone gesprochen hätte.
Er ist nämlich ungebrochen aktuell, der Herr der Welten mit dem Fußbad-Engagement. Denn wir leben in einer Zeit, in der alle formal-amtlich- rechtliche Autorität erschüttert wird, wenn sie nicht mit der moralischen gepaart wird. Unsere Zeit verlangt ein gewisses Understatement des autoritären Gehabes, ein inneres Dienenwollen kombiniert mit einer äußeren Bescheidenheit. Das gilt für alle Autorität in Gesellschaft und Kirche, für Eltern und Lehrer, Politiker und Seelsorger und für Hierarchen, die Nachfolger der Jünger auf den Polstern des Abendmahlsaales.
Was hat mir mein alter Pfarrer nach meiner ersten heiligen Messe in der Sakristei zugeflüstert? Ich konnte das nie vergessen: „Reinhold, ich muss dir etwas für das ganze Leben als Priester sagen: Mach beim Weihrauch nie einen Brustzug, das verdirbt den Charakter …“ Eigentlich hat der in Ehren ergraute Seelsorger mit diesem Bonmot etwas ganz Ähnliches gesagt wie der Welterlöser mit der Waschschüssel. Es wird immer schwierig sein, im Reich des Heiligen tätig zu sein und doch kein gesteigertes Würdebewusstsein zu inhalieren. Dienen ist angesagt. Und Dienen macht frei.
Der fußwaschende Herr und Meister in der Rolle des Haussklaven bleibt unwiderruflich ein Stück seines Testaments. Und wenn wir uns am Gründonnerstag nur liturgisch mit dieser Episode befassen wollten, wär’s zu wenig.
© Tyrolia-Verlag, Innsbruck.
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