„Wasser, Wasser!" Bei einem Gottesdienst mit sehbehinderten Jugendlichen las ich aus der Bibel in leicht verständlicher Sprache vor. Es war ein Text aus dem Johannesevangelium, wo Jesus versprach, Menschen „lebendiges Wasser" zu schenken. Ein 13-jähriges blindes Mädchen, das zusätzlich noch motorische und mentale Beeinträchtigungen hatte, geriet fast in Ekstase. „Wasser, Wasser!" Sie wollte unbedingt auf mich zulaufen, während ich vorlas. Eine herrliche Reaktion! Sie hat vermutlich verstanden, dass wir alle „lebendiges Wasser" brauchen.
Zum Hintergrund der Erzählung: Jesus kam zum beliebten jüdischen Laubhüttenfest nach Jerusalem. Er hielt sich meist nur im Verborgenen auf. Die einen liebten ihn, weil seine Worte kein leeres Geplapper waren, sondern gerade den Ärmsten Trost und Kraft vermittelten. Die anderen hassten ihn, weil er den gewaltsamen Kampf gegen die Besatzungsmacht nicht anführte. Für die politische und religiöse Elite war er schlichtweg gefährlich. Vermutlich war Jesus selbst auch schon erschöpft. Zumindest lag eine aufgeheizte Nervosität in der Luft.
Zu einem wirklichen Eklat kam es, als der Hohepriester das wichtige Ritual des Festes vollzog. Genau in dem Moment, als er das eigens aus dem Teich Siloah geholte Wasser in alle vier Himmelsrichtungen ausgeschüttet hat, schrie Jesus mitten in die festlich versammelte Menge: „Wer Durst hat, komme zu mir!" Damit widersprach er der Proklamation, dass nur vom Heiligtum in Jerusalem neues Leben ausgehe und von nirgendwo sonst, schon gar nicht von einem Menschen. Jesus fügte seiner provokanten Ansage noch hinzu: „Das Wasser, das ich gebe, wird ein Brunnen in eurem Herzen." Mehr hat es wohl nicht gebraucht.
Das Mädchen, das schon beim Wort „Wasser" kaum mehr zu halten war, stieß nun überfließend fröhliche Laute aus. Ihre Reaktion war erfrischend wie das Frischwasser, von dem die Rede war. Mit dem lebendigen Wasser hat Jesus seinen Geist gemeint, seine „Herzensenergie", die er allen anbietet. Wie wir wissen, gibt es zusätzlich zum physischen Durst des Körpers den mindestens ebenso intensiven Durst des Herzens – nämlich wahrgenommen, geachtet und geliebt zu werden. Dieser Durst kann nur durch lebendiges Wasser gestillt werden, nicht durch H2O. Und jeder von uns kann ein Durststiller sein, ja sogar ein Brunnen für viele. Bei meinem ersten Besuch in Burkina Faso hat mich nicht nur beeindruckt, wie viele Brunnen bereits durch das Engagement von Menschen aus Tirol zusammen mit der dortigen Caritas errichtet werden konnten. Mich hat bewegt, dass die zahlenmäßig verschwindend kleine katholische Kirche in diesem geschundenen Land Westafrikas eine wesentliche Durststillerin ist. Warum? Weil alle pastoralen und sozialen Aktivitäten immer für alle Menschen angeboten werden – ob Kindergärten, Schulen, Krankenstationen oder die Schutzräume für gesellschaftlich Marginalisierte. Für alle! Diese Haltung sorgt ganz verlässlich für „lebendiges Wasser". Überall auf der Welt.
Leseprobe "Wasser zum Leben"
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© Tyrolia-Verlag, Innsbruck.
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