Bischof Stecher Gedächtnisverein

Das Trauma

Aus "Spätlese" - Seiten 41-44

An sich dankt man als kleiner Soldat Gott, wenn man in einem schrecklichen Krieg nichts anderes zu tun hat, als vor einem Generalkommando auf Posten zu stehen und den hohen Herrn samt seinem zahlreichen Stab zu bewachen. Da steht man also vor einem Hotelportal mit dem imponierenden, aber hier völlig sinnlosen Stahlhelm, mit geschultertem Gewehr, breitbeinig und unbewegt, und lässt die Zeit verrinnen.
Aber man bleibt nicht ungestört.
Man muss als Wachposten vor jedem vorbeikommenden Offizier präsentieren. Das heißt, man nimmt Achtungsstellung ein, reißt das Gewehr herunter, sodass der Lauf genau vor der Nase steht, wendet den Kopf, schaut wieder geradeaus, hängt das Gewehr über und darf wieder breitbeinig stehen. So ist das Ritual, und es muss zentimetergenau durchgeführt werden, ohne jeden falschen Griff oder Wackler.
Vor einem Generalkommando ist viel Betrieb.
Zwei Hauptleute kommen vorbei – ich präsentiere.
Ein Oberstleutnant hastet heraus – ich präsentiere.
Ein Oberstabsarzt betritt das Hotel – ich präsentiere.
Ein Leutnant erwidert mit äußerst lässiger Handbewegung zur Kappe meinen exakten Gewehrgriff.
Zwei Stabsoffiziere plaudern vorbei – ich präsentiere. Sie sind ins Gespräch vertieft und bemerken mich gar nicht. Aber ich starre ihnen nach, schaue wieder geradeaus und werfe das Gewehr auf die Schulter.
Zunächst ist das eine harmlose Soldatenspielerei, die mit einem Spähtrupp oder einem Trommelfeuer nicht zu vergleichen ist. Aber wenn sich dieses Spiel in zwei Stunden ungefähr 60-mal wiederholt, kommt man sich vor wie ein Hampelmann.
Nun fährt das Auto mit dem Generaloberst vor. Ich schreie: „Ganze Wache heraustreten!“ Und dann stehen wir zu viert und präsentieren. Der Generaloberst schreitet vorbei, mit Ritterkreuz und roten Streifen an den Hosen, und hebt ganz kurz die Hand zum Mützenschirm, während der Wachhabende seine Meldung herunterschreit. Der General verschwindet im Hotel.
Der Adjutant kommt wieder heraus – ich präsentiere.
Der Adjutant holt eine Aktentasche aus dem Auto und geht wieder hinein – ich präsentiere.
Der Adjutant kommt wieder heraus und geht zum Auto – ich präsentiere. Der Adjutant holt im Auto den Hund des Generals und geht mit ihm vorbei ins Hotel – ich präsentiere. Nicht einmal der Hund schaut her. Na ja, er gehört ja auch zum Stab.
Und so geht es weiter.
Bataillonskommandeure, ein Artillerieoberst, der Kommandant der Metzgereikompanie, ein Major der Luftwaffe – es nimmt kein Ende. Gewiss, es ist tausendmal besser als die Front – aber irgendwie wächst doch die Überzeugung, dass man so etwas sei wie der Depp der Nation.

Ein ganzes Menschenalter später bin ich im Rahmen der Weltbischofssynode in Rom, ganze vier Wochen lang. Mein Gesprächskreis, dem ich zugeteilt bin, tagt im eigentlichen Vatikan, also dem Palast des Papstes. Die Eingangspforte ist rechts hinter den Kolonnaden. Dort muss ich täglich viermal vorbei. Die Pforte wird von einem Posten der Schweizergarde mit Hellebarde und einem Feldwebel bewacht. Wenn ein Bischof kommt (man muss dort natürlich im bischöflichen Prachteinband erscheinen), schreit der Feldwebel: „Achtung!“ Dann steht der Schweizergardist stramm und haut die Hellebarde auf den Marmorboden, dass es scheppert. Zu diesem sich oft wiederholenden kirchengeschichtlich bedeutsamen Ereignis sammeln sich Zuschauer aus allen Erdteilen, zücken Fotoapparate und Filmkameras und hoffen, dass möglichst bald wieder ein Bischof kommt. In Rom müssen sie da nicht lange warten. Bischöfe sind dort viel zahlreicher als bei uns die Kapläne.
Ich erlebe also dieses Ritual.
Und auf einmal wird mir das alles schrecklich peinlich. Ich sehe mich vor dem Hotelportal des Generalkommandos mit der dauernden Präsentiererei. Und jetzt bin also ich der General, und da muss einer wegen mir strammstehen und mit der Hellebarde hantieren. Es wird für mich so belastend, dass ich am zweiten Tag auf den Feldwebel zugehe:
„Herr Feldwebel“, sage ich, „ich bin selbst fünfeinhalb Jahre Soldat gewesen und musste vor den hohen Herren als Posten stundenlang präsentieren. Die Sache hier ist mir peinlich. Ich muss ja täglich mehrmals hier aus und ein – wäre es nicht genug, wenn mir die Wache am Morgen die Reverenz erwiese – und damit könnten wir es gut sein lassen …“
Da ergriff der Posten mit der Hellebarde das Wort und sagte mit unverkennbar innerschweizerischem Tonfall:
„Haben Sie eine Ahnung, wie ich froh bin, wenn ich mich bewegen kann!“


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