Bischof Stecher Gedächtnisverein

Die Nacht

Aus "Sinnbilder" - Seiten 87-88

Man muss die Welt der unablässig vorbeihuschenden Scheinwerfer und der Straßenbeleuchtung, der Neonstäbe, der Schaufenster und der Lichtreklamen hie und da verlassen, damit man den Zauber der Nacht wahrnimmt. Die Nachtwanderung bringt ein anderes Erleben von Welt. Die Nacht tauscht alle Farben des Tages in bares Silber um – in mattes, wenn nur die Sterne leuchten, in schimmerndes, wenn der Mond unterwegs ist. Ich bin durch viele Nächte gewandert – und da warten manchmal im Dunkel Abenteuer, die bei Tag nicht denkbar sind. Einmal hat der Strahl meiner Stirnlampe auf einem steilen Waldsteig die Augen eines Uhu aufglühen lassen, der wenige Meter vor mir auf einem knorrigen Ast gesessen ist. Er hat dann mit schleppendem Flügelschlag über mich hinweg Reißaus genommen. Ein anderes Mal ist mir hoch oben hinter einem Felsvorsprung ein Steinbock begegnet. Wir sind beide erschrocken. Die Nacht ist aber mit visuellen Angeboten sparsamer als der Tag. Sie lässt dem Wanderer mehr Zeit, sich nach innen zu wenden. Nachtwallfahrer wissen das. Der Blick auf die kreisenden Gestirne hat für uns heute ja kaum mehr eine Bedeutung. In meiner Jugend habe ich in vielen endlos langen nordischen Nächten gelernt, am Stand des Orion abzulesen, wie spät es ist. Wir hatten keine Armbanduhr. Und weil sich unser Blick aus den Welten künstlichen Lichts kaum mehr nach oben verirrt, können wir die Überwältigung alter Völker durch die Nacht nicht so leicht nachvollziehen, aber in der Schrift taucht diese Erfahrung auf: „Die Himmel rühmen Gottes Herrlichkeit und eine Nacht tut es der anderen kund ...“ (Ps 19,3) Auch die Einladung zum Nachdenken, Besinnen und Beten, die uns die Nacht zuflüstert, wurde vom naturverbundenen Menschen wahrscheinlich deutlicher gehört: „Die Weisheit wurde ihnen in der Nacht zum Sternenlicht“, versichert uns das Buch der Weisheit (10,17) im Alten Testament. Und Jesaja lässt das Herz die Flügel breiten wie der Nachtvogel, der abhebt: „Meine Seele sehnt sich nach Dir in der Nacht ...“ (26,1). Es gibt natürlich auch ein anderes Erfahren von Nacht. In unzähligen Mythen und Märchen, in Sagen und Geschichten und im bedrängten Gemüt der Menschen ist die Nacht auch die Zeit der Ängste, des Unheimlichen, der Schrecken und der Dämonen. Aber seit der Menschheit eine Weihnachtsnacht und eine Osternacht geschenkt wurden, wiegt das nicht mehr so schwer.

© Tyrolia-Verlag, Innsbruck.
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