Bischof Stecher Gedächtnisverein

Das Tragtier Regina

aus "Nachlese" - Seiten 15-19

Heutzutage sieht man bei uns keine Mulis mehr. Selbst das Österreichische Bundesheer hält nur noch am Haflinger fest. Mulis sind eine Kreuzung von Eselshengst und Pferdestute. Und ich hatte immer den Eindruck, dass unsere Mulis beim Militär über diese Tatsache seelisch schwer hinweg kamen. Es muss ja wirklich belastend sein, zu wissen, dass der Vater ein Esel ist. Mulis sind daher nur sehr begrenzt kontaktfähig. Mit Pferden kann man reden. Man spürt Reaktionen. Mulis sind weniger ansprechbar.

Mein Freund Georg, der von Beruf Oberkellner in einem Großhotel am Arlberg war und drei Fremdsprachen beherrschte, wurde in der deutschen Wehrmacht als Muliführer eingesetzt. Man war dort immer sehr darauf bedacht, die Menschen entsprechend ihren zivilen Fähigkeiten einzusetzen. Es ist ihm aber nie gelungen, zu seinem Tragtier Regina eine nähere Beziehung aufzubauen. Regina war weder auf Deutsch noch Italienisch, Englisch oder Französisch ansprechbar und blieb immer abweisend. Sie war schrecklich stur. Georg hat mir versichert, sie könne fünf Stunden in eine Ecke schauen, ohne mit einem Ohr zu wackeln – was auch nicht gerade ein Hinweis auf ein reiches Innenleben ist. An sich wäre es die Rolle Reginas gewesen, als Tragtier den Siegeszug der deutschen Armeen zu verstärken. Sie wollte aber kein Tragtier sein. Sie war ein Zugtier. Aber nicht eines das zieht, sondern das gezogen wird. Wenn man hie und da zu den Kolonnen der Tragtiere zurückschaute, die da durch die klirrkalten Weiten der nordrussischen Landschaft zogen, konnte man immer in der Mitte der hintereinander durch den Schnee stapfenden Soldaten und Mulis eine Lücke entdecken. Da riss die Kolonne ab und kam nie recht zum Anschluss. Das war mein armer Freund Georg mit seinem Tragtier Regina. Er, der selbst schwer beladen war, stolperte voraus und musste mit langem, über die Schulter gelegtem Zügel seine Regina hinter sich her ziehen. Sie machte einen langen Hals, legte die Ohren zurück und folgte nur höchst widerwillig mit hinhaltender Resistenz.

Sie hatte absolut keinen Sinn dafür, dass der große Feldherr seinen Armeen als Programm „Vorrrwärts!“ (mit drei r) zugerufen hatte und dass alle Generalfeldmarschälle, Generäle, Obersten, Majore und Kompagniechefs dieses „Vorrrwärts“ in den verschiedensten Tönen weiter brüllten. Regina war das wurscht. Sie beschleunigte ihren Gang nicht. Sie machte tagelang den Hals lang, als ob sie die Absicht hätte, zu einer Giraffe zu mutieren. Sie wäre das richtige Wappentier für die passive Widerstandsbewegung gewesen. Man weiß natürlich nicht, was in einem so verschlossenen Tier vorgeht. Aber vielleicht hatte Regina eine Ahnung, was für ein ungeheurer militärischer Unsinn der Marsch in den Winter und das Vorrrwärtsgeplärr des großen Führers war. Man kann nicht von der Hand weisen, dass im hinhaltenden Widerstand von Regina mehr Weisheit war als im Oberkommando der Wehrmacht. Die Zukunft unserer Truppe im Besonderen und des Dritten Reiches im Allgemeinen hat ihr jedenfalls recht gegeben. „Lasst den Blödsinn!“, sagte ihr langer Hals und der immer gestraffte Zügel, „lasst den Blödsinn, ihr rennt ins Verderben …!“ Aber niemand hat ihre Sprache verstanden. Man hat sie missachtet, weil ihr Vater ein Esel war. Und dabei hatten so viele Esel die Führung einer ganzen Nation übernommen.

Schließlich kamen wir in bitterster Kälte in die Frontstellung. Im Flussbett des Lowat, der völlig zugefroren war, wurden die Tragtiere zurückgelassen. Wir gingen ein Stück weiter und schlugen an einem Waldrand die Zelte auf, natürlich Zelte ohne Boden, die bereits aus unseren Zeltbahnen geknüpft waren, denn bei 52 Grad unter null kann man kein Zelt knüpfen. Die Nacht brach herein – und mit ihr kam der „Eiserne Gustav“, so hieß nämlich ein russisches Bombenflugzeug, das sehr tief flog und von dem man die Bomben mit der Hand hinauswarf. Unser Zelt bekam auch einen Splittersegen ab und hatte seither viele Löcher. Aber die meisten Bomben fielen weiter rückwärts. Plötzlich stürzt einer ins Zelt herein und schreit: „Die Tragtiere! Es hat die Tragtiere erwischt!“ Georg schoss sofort empor: „Die Regina, jetzt ist die Regina hin!“ Und es war in seiner Stimme nicht viel Trauer oder Entsetzen. Er eilte hinunter zum Fluss – und da bot sich wirklich ein betrübliches Bild. Viele Tiere lagen nach den Volltreffern verwundet oder tot herum. Die anderen hatten sich losgerissen und jagten durch den Pulverschnee. Nur ein Tragtier stand unverwundet und völlig gelassen an seinem Platz: Regina! Sie bewahrte entsprechend ihrem Namen geradezu königliche Ruhe, denn Panik war nicht ihre Sache. Die Katastrophe rund um sie herum war ja eine einzige Bestätigung ihres nachhaltigen Widerstandes gegenüber den deutschen Angriffsplänen.

Ich habe später auf Bischofswappen die verschiedensten Symbole und Tiere gesehen. Bayrische Löwen und steigende Panther, Adler und Osterlämmer. Beinahe wäre ich in Versuchung gekommen, das Tragtier Regina in mein Wappen aufzunehmen. Ich habe mich ihm immer im Geheimen verbunden gefühlt, wegen seines Widerstandes gegen den Wahnsinn des Krieges, in den es sich nur mit langem Hals und gestrecktem Zügel schleppen ließ, und nicht zuletzt wegen seiner wunderbaren Errettung im zugefrorenen Fluss Lowat. Schließlich bin ich ja auch – fast wunderbar – der Hölle entronnen. Aber im Bischofswappen wäre der Muli doch schwierig zu erklären gewesen und hätte möglicherweise zu peinlichen Deutungen führen können.


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