Die erste Brunnengeschichte
… steuert das Evangelium von der Begegnung Jesu mit der Frau am Jakobsbrunnen bei. Bei Sichem steht ein uralter Brunnen, den es heute noch gibt und an dem sich der ermüdete Herr Jesus niederlässt. Und da ist eine einfache Frau, eine Samariterin, also keine Jüdin, die gerade Wasser aus der Zisterne heraufholt. Es ist außerhalb jeder Regel, dass ein jüdischer Rabbi auf der Straße eine fremde Frau anspricht, dass er eine Samariterin anspricht, ist ein glatter Skandal. Die Jünger können sich kaum erholen. Jesus bittet diese Frau um einen Schluck Wasser. An diese kleine Geste knüpft sich ein wunderbares Gespräch, bei dem aufkommt, dass diese Frau noch dazu ein Problemfall ist. „Fünfmal warst du verheiratet – und der, den du jetzt hast, ist nicht dein Mann.“ Aber der Welterlöser respektiert sie dennoch und bittet sie um Wasser. Er bekommt es und spinnt dann den Gedanken weiter zum Wasser des Heils und der Gnade, und er redet keineswegs so, als sei diese Frau vom Heil ausgeschlossen. Jesus sieht das Gute in ihr und eine Glaubensbereitschaft. Und er spannt sie sogar in sein Erlösungswerk ein. Die Frau eilt nämlich ins Dorf hinein, trommelt ihre Bekannten zusammen und sagt ihnen: Ich glaube, das muss der Messias sein – er hat mir nämlich alles gesagt, was ich getan habe …
Und das alles beginnt mit einer Bitte um einen Schluck Wasser, die der Welterlöser an eine Frau richtet, die manche heutige Kirchenvertreter leider weggeschickt und zu der sie gesagt hätten, du bist unwürdig, mit dem Sohn Gottes zu reden und zu diskutieren und die Botschaft des Heils zu empfangen. Es ist eine wunderbare Brunnengeschichte, weil hier der müde und durstige Welterlöser mit der Bitte um einen Becher Wasser das Heil der Welt für eine arme Frau, die kein unbeschriebenes Blatt ist, aufmacht und seine Liebe offenbart.
Die zweite Brunnengeschichte
… spielt in Tirol. Es war bei einem Ausflug von Studentinnen und Studenten der Universität Innsbruck, zu der auch die Besichtigung des Stuibenfalls im Ötztal gehörte. Wir sind also staunend vor diesem wunderbaren Naturphänomen gestanden, das alle Bergwasser und Gletscherbäche zwischen dem Schrankogel und der Wilden Leck einsammelt und stäubend herunterstürzen lässt. Nach einiger Zeit wollten wir aufbrechen und weiterwandern. Aber ein Student, der in der Wüste Arabiens zu Hause war, konnte sich von diesem Wasserfall nicht losreißen. Ein alter Bauer, der auch dabei war, hat gesagt: „Was hat er denn – dös Wasser muaß ja åber …“ Für ihn war der Stuibenfall ein Stück Alltag, eine Selbstverständlichkeit seiner Umgebung. Aber der Student hat mir danach verraten, dass er immer daran denken musste, was dieser Wasserfall in seiner so trockenen Heimat bedeuten würde: weites, grünes Land, Getreidefelder, Dattelpalmenhaine und Weinberge …
Diese zweite Brunnengeschichte erinnert uns daran, wie wir in unserem Land mit Wasser, mit gutem Wasser so gesegnet sind, dass wir Gefahr laufen, diese Kostbarkeit als Selbstverständlichkeit zu betrachten – wie viele andere wertvolle Dinge: den Frieden, den Wohlstand, das Wohnen und das Essen, die medizinische Spitzenversorgung, die Wälder und eben das Wasser.
Diese zweite Brunnengeschichte sollte uns daran erinnern, dass wir in gewisser Hinsicht am Stuibenfall leben. Und wir sollten nicht denken: „Klar, dös alles muaß ja åber“, sondern es sollte in uns eine tiefe Dankbarkeit aufsteigen für alle Kostbarkeiten dieses Lebens – und für die Werte unseres Glaubens: Dass wir zu Gott ein Vertrauensverhältnis haben dürfen wie Kinder zu ihrer Mutter, dass wir Verzeihung erfahren und Trost im Leid und dass wir das ewige Leben in einer ungeheuren Fülle geschenkt bekommen – so dass der Stuibenfall dagegen zum Wiesenbächlein wird.
Die dritte Brunnengeschichte
… geht in ein ganz anderes Milieu. Ein Dorf mit etwa 800 Einwohnern im Sahel, einer der trockensten Zonen Afrikas. Es gibt ein paar magere Maisfelder, wenn die Regenzeit eine Ernte erlaubt, und das Kleinvieh, das in der Trockensteppe rundherum weidet. Und da sind ein paar Zisternen oder Gruben, wo sich nach der Regenzeit Wasser sammelt, das mit der Zeit immer weniger wird und zu einer schmutzigen Brühe verkommt, die kaum trinkbar ist. Dann müssen die Frauen jeden Tag aufbrechen, zehn Kilometer weit, um in Tonkrügen auf den Köpfen oder in Kanistern Trinkwasser zu holen. Es kommt vor, dass Frauen bei 40 Grad Hitze bei diesem Geschäft an Erschöpfung sterben. Und wenn sie heimkommen, müssen sie stundenlang auf Steinen Mais zerreiben.
In dieses Dorf kommt eine Gruppe von Spezialisten mit Geologen, Hydrologen, Brunnentechnikern, Dolmetschern und Frauen, die mit den Einwohnern in ihren Dialekten reden können. Die Gruppe misst und prüft, wie tief der Grundwasserspiegel in der größten Trockenheit steht, und dann wird ein Tiefbrunnen gebaut, 15, 20, 25, 30 Meter tief, manchmal durch Lehm, manchmal durch Fels, und die Bohrer rattern. Der Brunnen wird ausgemauert, eine Winde installiert, oben mit einem Mauerschutz umgeben, eine Tiertränke wird errichtet, damit der Brunnen schmutzfrei bleibt, und neben dem Brunnen wird ein großes Areal mit einem Metallzaun umgeben: hier wird nun eine Gemüseplantage angelegt mit Kohl, Paradeisern und allen möglichen Sorten. Und die Frauen des Dorfes, die sich darum kümmern sollen, erhalten eine Maismühle, damit sie die Körner nicht mehr stundenlang auf den Steinen reiben müssen. Mit einem großen Volksfest wird der Brunnen eingeweiht und gesegnet, von einem Priester und einem Mullah. Und am Brunnen wird eine Tafel angebracht, auf der in rot-weiß-roten Farben CARITAS TIROL steht.
Von solchen Brunnen, die alle funktionieren, und zwar das ganze Jahr über, stehen allein in Mali schon über 40, und sie haben 55.000 Menschen Trinkwasser gebracht. Und das alles nur, weil es in Tirol gute Menschen gibt, weil die Caritas in Tirol und in Mali ausgezeichnet funktioniert und kein Euro verloren geht, weil sie eine Organisation der Kirche ist und mit korrupten Staaten nichts zu tun hat. Heuer werden acht weitere dieser Brunnen dazukommen – und das ist zusammengenommen doch auch ein kleiner Stuibenfall der Nächstenliebe.
Das sind die drei Brunnengeschichten. Die letzte knüpft an die erste an und schließt den Kreis, denn unser Herr und Heiland, der Welterlöser, der die samaritanische Frau um einen Becher Wasser gebeten hat, hat auch gesagt: Wenn einer von euch einem anderen in meinem Namen auch nur einen Becher Wasser gibt – der wird seinen Lohn erhalten. Denn was ihr dem geringsten meiner Brüder getan habt, das habt ihr mir getan.
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