Bischof Stecher Gedächtnisverein

Silberne Schale und goldener Apfel

aus "Mit gläubigem Herzen und wachem Geist" - Seiten 183–194

Vom Wachsen des Kindes in die Welt des Guten und des Heiligen

WERKWOCHE DER KINDERGÄRTNERINNEN SÜDTIROLS NALS (1991)

Ein Bischof ist nicht unbedingt der berufene Fachmann, wenn vom Kindergarten die Rede ist, auch darin nicht, wenn es um die Entfaltung des ethischen und religiösen Sinns im Kinde geht. Für uns Priester ist ja meistens das Volksschulkind das erste, zu dem wir in näheren Kontakt treten. Wenn ich es trotzdem gewagt habe, dieser Einladung zu folgen, dann habe ich mich ein wenig mit dem Gedanken getröstet, dass ich eine vierstellige Zahl von Kindern in der ersten Volksschulklasse unterrichtet habe – droben auf dem Berg und drunten in der Stadt, in der Übungsschule und in der Sonderschule. Und vom „Erstklassler“ ist der Schritt zum Kindergarten nicht so groß. Habe ich doch immer wieder erlebt, dass Kinder aus der Schule hie und da in die vertraute Welt des Kindergartens zur Tante hineingeschlüpft sind. – Und als Bischof habe ich bis jetzt etwa die Hälfte aller Kindergärten Tirols besucht, und wenn ich das auch keineswegs als pädagogische Erfahrung buchen möchte, so kenne ich doch ein wenig das Milieu, die Welt hinter den buntbeklebten Scheiben – in der Innsbrucker Vorstadt, im Fremdenverkehrszentrum, im Industriedorf und in der Siedlung hoch über dem Tal …

So will ich versuchen, so gut ich es kann, die Brücke zu schlagen. Eins möchte ich dabei gleich vorausschicken: Wenn ich vom kleinen Kind rede, von seiner menschlichen Formung und seiner religiösen Prägung, dann ist das für mich kein „Hinuntersteigen“.

In der Bildung ist das mit dem „Oben“ und dem „Unten“ so eine Sache. Insgeheim schleicht sich ja doch immer wieder so etwas wie eine „Wertung“, ein „Image“ bei derartigen Einteilungen ein. Aber da es der liebe Gott so gefügt hat, dass ich in meinem Leben in allen Schulstufen und fast allen Schularten von der ersten Klasse Volksschule bis zur Universität unterrichtet habe, erlaube ich mir, auf die verschieden verteilten Gewichte und pädagogischen Herausforderungen hinzuweisen: Natürlich, je höher die Schulstufe steigt, umso mehr steigt der intellektuelle Aufwand, das geforderte Fachwissen, das geschulte Denken, die Ausweitung des Gedächtnisspeichers. Aber je weiter man hinuntersteigt zu den Kindern, umso mehr wächst der emotionelle Aufwand, steigt Kreativität und Spontaneität. Für all das ist der Kindergarten die „Hochschule“, und die Hochschule ist im Bereich des Emotionell-Spontanen und Kreativen sowie des Methodischen sehr oft ein „Kindergarten“, so dürftig ist es um diese Bildungselemente bestellt.

Ich habe diese Spannung im Leben einmal hautnah erlebt. Direkt vom theologischen Doktorat, den Kopf voll Thomas von Aquin, John Henry Newman und Karl Rahner, bin ich plötzlich in eine winzige Bergschule versetzt worden, in der alle acht Schulstufen in einer Klasse versammelt waren. Ich habe mich zunächst nur drei Tage lang hinten hineingesetzt, um dem ausgezeichneten jungen Lehrer zuzuhören, der es mit den Kindern hervorragend verstanden hat. Meinen Doktorhut hab ich – um symbolisch zu sprechen – ruhig auf dem Zaun draußen hängen lassen können. Die „Summa“ des Thomas und die Vorstellungen des Seppele in der ersten Bank waren so weit auseinander wie der Kuhschweif vom Zähneputzen, wie man in Tirol sagt.

Aber um das Werk des Kirchenlehrers und den kleinen Krausköpfen der ersten Bank kreiste derselbe ewige Geist Gottes, der gleiche Heilswille, der nämliche Gnadenstrom. In der Kindergartenstube weht Gottes Geist genauso wie in den Hörsälen einer theologischen Fakultät oder in der Halle der Weltbischofssynode. Und niemand weiß, wo er mehr weht. Daran müssen Sie bitte denken: Bei dieser Hilfestellung, die Sie dem Kind beim Hineinwachsen in die Welt des Guten und des Heiligen geben, geht es um etwas Gewaltiges. Vielleicht kann ich es in einem Bild deutlicher sagen.

Der Mensch als Gefäß für das Kostbare

In den prähistorischen Museen der Welt sieht man, dass die früheste Kunst der Menschheit um ein Thema, einen Gegenstand kreist: die Schale, das Gefäß. Unzählige Formen haben sich entwickelt: Schüsseln, Vasen, Becher und Krüge, Situlen und Amphoren. Und selbst die einfachsten und ältesten zeigen Ansätze von Schmuck und Schönheit.

Es ist die höchste Kunst der Erziehung, den Menschen zu einem Gefäß zu machen, einer Schale, die etwas aufnehmen kann, etwas Größeres, das nicht von uns kommt. Schon auf alten ägyptischen Bildern hält der Mensch die Schale der Gottheit entgegen, die ihre Strahlen hineinfallen lässt …

Denken Sie jetzt an Ihre Kinder, versuchen Sie, sie einmal so zu sehen: als Ton, als Bronze, Kristall, Silber oder Gold, das man formen, schleifen und hämmern kann, behutsam und geduldig, zu wunderbaren Gefäßen, individuell und phantasievoll, mit verschiedener Fassungskraft, aber nie als unpersönliche Fabrikware.

Der Mensch als Gefäß für das Kostbare … Vielleicht erinnern Sie sich in der altehrwürdigen Lauretanischen Litanei an die Anrufungen der Gottesmutter (die ich nie recht verstanden habe): „Du ehrwürdiges Gefäß“, „Du vortreffliches Gefäß der Andacht“.

Im Alten Testament spielt das Bild von der Schale eine große Rolle. Ich habe mir für diese Stunde eines ausgewählt, bei dem ich verweilen möchte. Es ist weitgehend unbekannt und stammt aus dem Buch der Sprüche (25,11):


„Wie goldene Äpfel auf silbernen Schalen:
So ist ein Wort, gesprochen zur rechten Zeit …“


Vielleicht muss ich zum besseren Verständnis gleich anfügen, dass mit dem Ausdruck „Wort“ im Alten Orient viel mehr gemeint ist als irgendeine Vokabel. „Wort“ – das ist jede mitteilende „Dynamis“, jede Kraft vom einen zum andern, von Gott zu Mensch.

Bei dem Bemühen, das Herz des Kindes für das Gute und das Heilige zu öffnen, geht es also um die silbernen Schalen. Im Kindergartenalter ist das Material noch weich und formbar und verletzlich. Was hier gemeint ist, liegt weitab von jeder primitiven Indoktrinierung. Es geht um eine Entfaltung des kleinen Menschen, um ein Schärfen der Sinne zum Guten und Heiligen.
Und so will ich an ein paar Beispielen darzustellen versuchen, was damit konkret gemeint ist.


Die silberne Schale des Hörens
und der goldene Apfel der Botschaft


Im Zuge meiner Visitation besuche ich in einer kleinen Gemeinde im Oberinntal auch den Kindergarten. Die Kindergärtnerin bedeutet mir, dass die Kleinen etwas gezeichnet hätten, was sie gerne zeigen möchten. Ich setze mich also zu den Tischchen und lasse mir die Zeichnungen erklären. Jedes Kind hat eine andere Phase einer Geschichte: Es die vom verlorenen Sohn. Und es wird mir klar, dass diese Vierjährigen eigentlich alles verstanden haben. Die Kindergärtnerin muss ganz ausgezeichnet erzählt haben. Die Kinder konnten alles nachvollziehen: die Frechheit und die Unverschämtheit des Sohnes, die Gutmütigkeit des Vaters, das lieblose Abhauen, das Habenwollen und das Geld-Hinausschmeißen, den Hunger und die Schweine, die Traurigkeit und die Reue, das Zurückwandern und die Angst vor dem Zusammentreffen mit dem Vater, und dann der so liebe Empfang, das große Verzeihen und das Fest … Alles haben sie verstanden. Und dabei ist dieses schönste Gleichnis des Neuen Testamentes so tief, dass es kein Theologe oder Kirchenlehrer ausschöpfen kann, weil es das Schicksal des Menschen und der Menschheit umfängt.

Die silberne Schale wurde hier mit der liebevoll-gemüthaften Erzählung gehämmert. Es könnte genauso gut ein Spiel sein oder ein kleines Lied mit dem Orff’schen Schulwerk, bei dem die Kinder einen einfachen Text („ich will heim“) und einen vorgegebenen Rhythmus mit einer Spontanmelodie versehen (ich habe viele solcher Kinderliedchen zu Triangel, Trommel, Tschinelle und Xylophon erlebt …) – oder eben eine Zeichnung. Das ist alles Hämmern an der silbernen Schale des Erfahren- und Erlebenkönnens.

Und der goldene Apfel ist die wunderbare Botschaft. Er hat in diesem Falle ganz in die silberne Schale gepasst. Gott hat selbst seine Heilsbotschaften in Archetypen eingebettet, wie es der große Tiefenpsychologe C. G. Jung genannt hat, in heilende Bilder, die tief in unserem Wesen begründet sind, Urformen des Empfindens, die von Geschlecht zu Geschlecht über die Erde wandern – und solche Urbilder sind hier angesprochen: das Fortgehen und das Heimkehren, die Entfremdung und die Versöhnung, und vor allem der Vater.
Wer weiß, viel, viel später kann ein solches Bild, das einmal im Kindergartenalter tief in die Seele gefallen ist, der Grund dafür sein, dass ein verirrter Mensch wieder nach Hause findet. Ich habe solche Heimkehrszenen selbst erlebt.


Die silberne Schale des Staunens
und der goldene Apfel des geschenkten Daseins


Es geht um eine Religionsstunde in der ersten Klasse Volksschule, aber diesmal fange ich nicht einfach zu erzählen an. Es beginnt anders als sonst und die Kinder wissen nicht, worauf ich hinauswill. Wir denken über unsere Hand nach.

Und weil diese Kinder schon schreiben können, müssen drei zur Tafel vorkommen, eins zu jedem Flügel, und dann geht’s los. Wir schreiben auf, was unsere Hand alles kann, vom frühen Morgen angefangen: Waschen, Anziehen, Seife nehmen, Einseifen, Waschlappen benützen, Kämmen, Augenreiben, Zähneputzen, Pasta drücken … und es geht weiter beim Frühstück: Brot nehmen, Butter schmieren, Löffel in die Marmelade tauchen, Mund abwischen, Einschenken … Und auf dem Schulweg und in der Schule: Einpacken, Auspacken, Heft aufschlagen, Schreiben, Zeichnen, Aufzeigen, Spielen, Ball fangen, Nasenbohren, Basteln, Falten … es geht ins Unermessliche, die drei an der Tafel kommen mit dem Schreiben gar nicht mit. Dann kommen die Instrumente, das Musizieren, das Raufen, Warnen, Drohen, das Faustmachen und der Handschlag … es nimmt kein Ende.

Ich erzähle den Kindern, dass ich einmal einen Ingenieur in der Schweiz gekannt habe, der eine Universalwerkzeugmaschine in zweijähriger Arbeit konstruiert und gebaut hat, die zehn verschiedene Dinge ausführen konnte. Diese Maschine war ein Verkaufsschlager in der ganzen Welt. Und was ist eine solche Maschine gegen unsere Hand? – Ein Blechtrottel!

Es ist unglaublich. Die Hand ist ein Wunder. Die Kinder zeichnen die Umrisse ihrer Hand ins Heft und einer schreibt spontan dazu: „Meine Hand – um zehn Millionen nicht zu haben!“

Und dann erzähle ich die Geschichte von Jesus, der den Mann mit der verdorrten Hand heilte. Und auf einmal hat die Geschichte einen ganz anderen Sitz im Leben. Und die Kinder begreifen, was Gott uns, den Gesunden, mit dieser Hand geschenkt hat.

Die silberne Schale – das ist das also geweckte Staunen über die Hand. Und der goldene Apfel – das ist die Geschenkerfahrung des Daseins.

Natürlich wird man den Vorgang bei Vierjährigen etwas variieren (sie können ja nicht schreiben und haben einen viel kleineren Wortschatz). Aber zum Grunderlebnis des großen Staunens sind sie auch fähig. Begreifen Sie, was im Dasein versäumt wird, wenn niemand da ist, der an der silbernen Schale hämmert? Wie viele goldene Äpfel keinen Platz finden?
Die silberne Schale der Ehrfurcht
und der goldene Apfel des Mysteriums

Ich sitze in einer stillen Kirche in Innsbruck. Sie ist leer. Es ist Nachmittag, und durch die Fenster malt der Sonnenschein bunte Flecken in den Raum.

Da kommt ein Vater mit drei kleinen Kindern. Anscheinend wurde er von seiner Frau Gemahlin auf Tour geschickt, damit sie in Ruhe einkaufen kann – wie sich das in einer partnerschaftlichen Ehe gehört. Der Vater benimmt sich in der Kirche sehr respektvoll, die Kinder machen alles nach. Das Kleinste kugelt bei der Kniebeugung um, aber das tut der Ergriffenheit keinen Abbruch. Beim Weihwasserbecken müssen sie hinaufgehoben werden, denn das Spritzen hat natürlich seine Faszination. Dann beginnt der Rundgang. Der Vater spricht leise und erklärt die Bilder – die Kinder ahmen den gedämpften Wortlaut nach, so gut sie können: „Was ist denn das …?“ Die Bilder des Kreuzwegs kommen dran. An einem Altar ist noch die kleine Ministrantenglocke da – da muss man natürlich ein bisschen bimmeln, und zwar jedes, wegen der sozialen Gerechtigkeit. Ich erwarte schon, dass die etwas grantige Mesnerin herausschießt, und mache mich bereit, meine ganze bischöfliche Autorität im Falle ihres Einschreitens zugunsten der bimmelnden Kinder in die Waagschale zu werfen. Aber es bleibt alles ruhig. Und dann kommen die Lichter vor dem Marienbild. Da muss der Vater drei Fünfer springen lassen. Und jedes muss das Licht selbst anzünden – natürlich. Aber beten muss man auch. Also wird eine kurze, meditative Pose mit gefalteten Händen hingelegt. Viel wird der liebe Gott nicht zu hören bekommen haben. Aber der Vater macht das, also macht’s die Gefolgschaft auch.

Wie ich diesen jungen Mann dann hinausgehen sehe, fällt mir jener Gelehrte ein, der vor zwei Menschenaltern ein bahnbrechendes Werk geschrieben hat: Rudolf Otto. Und sein Buch heißt „Das Heilige“. Er beschreibt darin das Phänomen des Heiligen, wie es im Menschen und in der Menschheit immer wieder auftritt, immer mit zwei Seiten: dem Tremendum, vor dem man scheut, zittert und bebt, weil im Heiligen das Große, Übermächtige, Unsagbare auf uns zukommt. Und dann dem Faszinosum, dem Faszinierenden, Anziehenden, weil im Heiligen sich auch das Gütige und Bergende zeigt.

Genau das haben die drei Knirpse erlebt – bei einem kleinen Abstecher in eine stille Kirche, die am Wege lag …

Der Vater hat, ohne es zu wissen, an drei silbernen Schalen gehämmert – den Schalen der Ehrfurcht. Und der goldene Apfel, der auf die Schalen gelegt wurde, war das Mysterium, das tröstende Geheimnis, das der Mensch unserer Tage nach dem Wort eines berühmten Tiefenpsychologen so dringend braucht. Die Schalen wurden in diesem Falle weniger durch Worte gehämmert als durch Gesten und Haltungen der Ergriffenheit: durch Raum und Sonnenlicht, alte Bilder, Glanz und ein bisschen Schellenklang, und vielleicht ein wenig verwehten Weihrauchduft, ein paar Spritzer Weihwasser und ein kleines, lebendiges, flackerndes Licht, gegen das kein Scheinwerfer aufkommt.

Ich brauche Ihnen, liebe Kindergärtnerinnen, nicht zu sagen, wie Sie solches Verhalten bei Ihren Möglichkeiten verwirklichen und ausbauen können. Da ist Ihre Phantasie sicher lebendiger, einfallsreicher, kindernäher und mütterlicher als die meine. Aber diese Konkretisierung wäre ja gerade, wenn ich recht informiert bin, das Thema dieser Werkwoche. Mir geht es nur darum, dass Sie hinter Ihren scheinbar kleinen Bemühungen selbst erfassen, was Großes, ja wahrhaft Weltbewegendes und Gewaltiges dahintersteht.


Die silberne Schale des Mitgefühls
und der goldene Apfel der Liebe


Ich beginne wieder mit einer ganz kleinen Erlebnisskizze. Ich bin in einer jungen Familie, zu der eine andere auf Besuch kommt. Die Gastgebende hat ein vierjähriges Mädchen, die Besuchende ein dreijähriges, das etwas schüchtern ist. Die Vierjährige hat eben einen neuen Dreiradler bekommen und produziert sich damit ausgiebig. Die Kleine wäre ums Leben gern auch gefahren, aber davon will die Susi, die eine eigensinnige und vitale Kugel ist, nichts wissen. Sie radelt hinters Haus. Die Kleine schaut ein bisschen traurig nach. Kurze Zeit später (beide Kinder sind wieder am Tisch) gibt es Kaffee, der Tisch wird gedeckt, und die schusselige Susi wirft eine Sammeltasse aus Versehen auf den Boden. Sie zerbricht. Großes Geheule. Die Mutter reagiert bemerkenswert gelassen. Dann sagt sie: „Weißt du, Susi, wir haben die Tassen natürlich nicht zum Herumschmeißen, das nächste Mal musst du besser aufpassen. Aber du hast das ja gar nicht gewollt. Also hör auf mit dem Weinen. – Aber dass du vorhin der Renate den Dreiradler nicht leihen wolltest, das war eigentlich schlimmer. Sie wäre doch so gern gefahren …“ Die Renate hat den Roller sehr rasch bekommen. Die Reaktion der Mutter schien mir deshalb so bemerkenswert, weil an sich in unserer materiell orientierten Gesellschaft unzählige Male „Kinderschuld“ nach dem Maßstab des angerichteten Schadens oder des verursachten Ärgers bemessen wird, aber nicht nach den wesentlicheren Maßstäben. Und hier war das anders. Hier ist es um die Entfaltung des Mitgefühls, des Sich-Hineindenkens in das andere Mädchen gegangen.

Ich habe mich daran erinnert, dass ich kurze Zeit vorher bei einem Kongress von Futurologen gehört habe, dass für die Zukunft der Menschheit viel wichtiger wäre, in der Erziehung die Fähigkeit zur Empathie zu beachten als die forcierte technisch-wissenschaftlich-ökonomische Ausbildung.

Auch in dieser kleinen Affäre können wir den feinen Hammer klopfen hören, der an der Schale arbeitet, der silbernen Schale des Mitgefühls. Wie oft wird sich Ihnen Gelegenheit bieten, an dieser Schale, an dieser so wichtigen Sensibilität zu formen – im Kindergartenalltag im Spiel, beim Schlichten eines Streits oder beim rechtzeitig gegebenen Lob … Wie hat ein großer Gerichtspsychologe gesagt: „Der Gemütsarme ist der Gewissenlose …“ – Natürlich kann Ihnen nicht alles aufgelastet werden, was andere versäumen, aber es genügt ja, wenn wir unseren kleinen Beitrag leisten, die Entfaltung einer liebevollen Sensibilität gegenüber Dingen, Pflanzen, Tieren, Menschen.

Die Ereignisse der Gegenwart beweisen, wie wichtig für die Zukunft der Menschheit das Hämmern und Polieren an dieser Schale des Mitgefühls sein wird, damit einmal, als goldener Apfel, doch so etwas wie eine „Zivilisation der Liebe“ hineingelegt werden kann.

Die Arbeit an den silbernen Schalen ist von Behutsamkeit und Ehrfurcht gekennzeichnet. Mit Quengeln und Mahnen allein wächst kein kleines Herz in die Welt des Guten und des Heiligen. Die Arbeit an der Schale ist Feinarbeit, Goldschmiedekunst der Pädagogik, mit Takt und Zurückhaltung. Und diese Arbeit kann nie mit der Mentalität der „Macher“ gelingen, die da glauben, sie könnten alles. Wir können und dürfen nur ein wenig mithelfen, da und dort bessere Voraussetzungen zu schaffen. Die goldenen Äpfel legt ja doch ein anderer in die Schalen – der unermüdlich waltende Gottesgeist.

Und damit komme ich zum Letzten, was ich in dieser kleinen Ouvertüre Ihrer Werkwoche sagen möchte. Ich bleibe immer noch beim Bild der Schrift, den goldenen Äpfeln auf den silbernen Schalen.

Die höchste Fähigkeit des Menschen

Wenn Sie Ihre Kinder anschauen und über sie nachdenken (was Sie sicher öfter tun und was man auch als Erzieher immer tun sollte), dann werden Sie davon überwältigt werden, was in diesen kleinen Menschen alles an Möglichkeiten angelegt ist. Wir können ja nur darüber staunen, welche Einblicke uns schon die Genforschung eröffnet, was z. B. allein an Sprachvermögen in diesen ersten Jahren erlernt wird, wie viel Originalität und Begabungen sich zeigen, welche Baupläne des Lebendigen und was für Möglichkeiten der Entfaltung sich abzeichnen. Was steckt doch alles in diesen kleinen Wesen, die an den Tischchen sitzen!
Wenn von den Möglichkeiten des Menschen schon die Rede ist, möchte ich am Schluss auf die höchste hinweisen, und ich weiß, dass mir die Theologie von 2000 Jahren und das Wort Gottes selbst zustimmen. Es heißt doch im Psalm 8,5:
„Was ist der Mensch, dass du seiner gedenkst,
was so ein Menschenkind, dass du in Huld es heimsuchst?“


Das ist der Inbegriff aller Fähigkeiten des Menschen: Er kann Schale werden für das Leben des Dreifaltigen Gottes. Der Mensch ist berufen, Silberschüssel zu sein für den goldenen Apfel des ewigen Lebens, Auffangbecken für das lebendige Wasser, von dem Christus am Brunnen zur Samaritanerin gesprochen hat.

An dieser Schale hämmern Sie mit, dürfen Sie da oder dort vertiefen, vervollkommnen, polieren und zum Strahlen bringen.

In diesem Sinne ist christliche Kindergärtnerinnenarbeit Goldschmiedekunst. Und Sie sind bei dieser Arbeit nicht allein. Der große Meister, der den Entwurf zu jeder einzelnen Schale geschaffen hat, beugt sich über Sie, führt Ihre Hand, bessert auch da und dort etwas aus, was uns nicht gelingt. Und in diesem Vorgang erhält das Wort aus dem Buch der Sprüche seinen tiefsten Sinn:

„Ein goldener Apfel auf silberner Schale –
das ist ein Wort, gesprochen zur rechten Zeit.“


© Tyrolia-Verlag, Innsbruck.
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