Aus einer Ansprache zum
manchmal etwas schwierigen
Thema des ständigen öffentlichen
Protestes der Kirche in
moralischen Fragen
Meine Damen und Herren,
ich verrate Ihnen wahrscheinlich keine Neuigkeit, wenn ich sage, dass Bischöfe ziemlich oft für Feiglinge gehalten werden, weil sie zu wenig auftreten. Ich bekomme so ungefähr alle vierzehn Tage in irgendeiner Weise zu hören:
„Warum schweigen Sie?“
„Warum protestieren Sie nicht mit flammen-den Worten?“
„Wollen Sie nicht sehen, was Österreich für ein Sündenpfuhl ist?“
„Wo bleibt Ihr prophetisches Profil?“
Und wenn ich dann eine Stellungnahme zu einer Frage abgebe, heißt es gleich: „Da reden Sie, und zu diesem anderen Problem sagen Sie nichts?“
Es ist also wirklich nicht leicht. Hie und da ist ein Hinweis wirklich berechtigt, und vieles ist gut gemeint, aber sehr oft kommt dieses Trommelfeuer doch auch aus bestimmten Ecken, in denen ein schwer zu durchschauendes Gemisch von heiligem, aber mäßig erleuchtetem Eifer, verdächtigen Fixierungen und pathologischen Hintergründen ein Klima erzeugt, in dem jedenfalls der verbissene Kampf gegen das Böse viel mehr bedeutet als die Freude über das Erlöstsein. Ich gebe gerne zu, dass ich kein geborener Savonarola bin. Aber die Sache mit dem so oft geforderten Dauerprotest ist zweischneidig. Ich erinnere mich an einen Feuerwehrhornisten in einem Dorf meiner Kindheit, der kein großer Künstler auf seinem Instrument war und darum Abend für Abend das Alarmsignal geprobt hat. Und wie’s dann wirklich einmal am Abend gebrannt hat, war man die Töne so gewohnt, dass niemand hingehört hat ... Ich kenne solche Moral-Alarm-Hornisten zur Genüge, bei deren Signalen kein Mensch mehr aufsteht. Proteste sind nun einmal in einer Gesellschaft, die von allen möglichen Denkanstößen Tag und Nacht gepufft wird, sinnvollerweise nur dosiert anzubringen. Und wenn sie mit zu viel Schaum vor den Lippen vorgebracht werden, wirken sie nicht sehr überzeugend. Der echte moralische Protest verlangt ein ruhiges Gewicht – und eine innere Gelöstheit. Kreischende Trompetensignale verleiten zum Ohren-Zuhalten. In diesem Zusammenhang möchte ich Ihnen von einem Skandal berichten, der zwar kleinformatig war, aber doch ganz lehrreich ist. Der Pendler-Postbus zuckelt in der Früh das Tal hinaus und füllt sich allmählich mit den Leuten, die von den Höfen und Dörfern zu ihren Arbeitsplätzen draußen in den großen Orten fahren. Gleich hinter dem Chauffeur sitzt ein stiller, kleiner Kapuzinerpater, der gerade im hintersten Kirchdorf auf Aushilfe war und nun dem Heimatkloster zustrebt. Er nützt die Zeit und liest in seinem Brevier, so gut das eben bei einem schaukelnden Postbus geht. Aber bei einer Haltestelle kommt lautstarker Zuwachs für die Passagiere. Der neue Mitfahrer hat wohl ein wenig in den Bars des Fremdenverkehrsortes aufgetankt. Und ein bisschen ordinär ist er sowieso, große Hemmschwellen muss er nicht überwinden. Er füllt den Bus mit lauter Selbstgefälligkeit und starken Sprüchen und weiß sich ganz als Mittelpunkt. Da sieht er den Kapuzinerpater. Jetzt hat er sein Opfer. „Du, Pater“, beginnt er in provokantem Ton, „ich muss dir was sagen: Ich bin auf die Weiber wie ein Stier!“ Der Priester sagt nichts und beugt sich tiefer über sein Brevier. Das wirkt auf den Potenzprotz anfeuernd. Jetzt wird er dem Psalmenmurmler was vorlegen, dass der vor Verlegenheit weder ein noch aus weiß: „Aber weißt du, Pater, Kinder krieg ich keine!“ Im Bus ist es einen Augenblick still. Da hebt der kleine Kapuziner das Gesicht vom Brevier und sagt ganz laut: „Dann bist a Ochs!“ Spricht’s und beugt sich wieder über die Gesänge Davids ... Durch den Pendlerbus aber fegt ein Lachsturm, wogt zurück, dass die Scheiben klirren. Auch der Chauffeur kann die Fahrsicherheit nicht mehr garantieren, fährt rechts heran, hält, kreuzt die Arme übers Lenkrad und lacht mit. Der Mann mit den großen Worten steigt bei der nächsten Haltestelle verdächtig schnell aus. Das Lachen plätschert ihm nach. Oh, dieses Lachen in einem Pendlerbus ist gefährlich! Am Abend wird er ja wieder alle einsammeln und seine Fracht durchs ganze Tal verteilen, und dann wird die Geschichte vom Stier, der zum Ochsen wurde, in alle Dörfer, Weiler und Höfe wandern. Und dann wird sie bei den Stammtischen kreisen, und am Morgen wird sie bei den Frauen erzählt werden, die mit den Drahtkörben bei der Kassa des Lebensmittelmarktes anstehen. Und es kann passieren, dass hinter dem Helden der Geschichte hie und da Mädchen herkichern, und es kann ohne weiteres sein, dass er ein paar Kilo von seinem Sex-Appeal abspeckt. Oh, dieses Lachen! Was wäre eigentlich gewesen, wenn sich der also rüde angepöbelte Kapuzinerpater mit zorngerötetem Gesicht zu flammendem Protest erhoben hätte wider derartige öffentliche Schamlosigkeit und Insultierung seiner Person – mit Androhung weiterer Schritte wegen provozierender Belästigung in einem öffentlichen Verkehrsmittel usw., usw.? Was wäre passiert? Der kleine Teufel, der hinten auf dem Auspuff des Pendlerbusses saß, hätte nur gekichert. So aber ist ihm das Kichern vergangen. Und er ist bei der nächsten Haltestelle schleunigst abgesprungen – wie der Ochs.
© Tyrolia-Verlag, Innsbruck.
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