Bischof Stecher Gedächtnisverein

GELEISE INS MORGEN

aus "Geleise ins Morgen" - Seiten 11–12

Welchen Platz bevorzugen Sie in der Bahn? Sitzen Sie lieber in Fahrtrichtung oder gefällt Ihnen das Zurückschauen besser? Es hat beides seinen Reiz. In dem großen Intercity, der aus dem irdischen ins himmlische Jerusalem fährt und den man »Kirche« nennt, sitzen sehr viele Menschen - wenn man den Befragungen Glauben schenkt - lieber gegen die Fahrtrichtung und schauen in die Vergangenheit zurück, in das Gestern. Manchmal tun sie es mit einem verklärten Blick in eine versunkene »gute alte Zeit«, die mehr dem nostalgischen Traum als der Wirklichkeit angehört. Bei Untersuchungen hat immer nur ein sehr kleiner Prozentsatz der Befragten das Wort »Kirche« mit »Zukunft« verbunden. Die Kombination »Kirche« und »Vergangenheit« war hingegen häufig. Nun fährt natürlich mit diesem Intercity, der an einem strahlenden Ostermorgen gestartet und mit dieser Botschaft in die Weltgeschichte hineingerollt ist, eine reiche Vergangenheit mit, ein Schatz an tröstenden Geheimnissen. Trotzdem möchte ich für diese kleine Betrachtung bitten, den Platz zu wechseln und nach vorne zu schauen. Dabei geht es keineswegs um phantastische Zukunftsträume. Die Futurologie, die Wissenschaft von der Zukunft, ist eigentlich ein sehr behutsames und vorsichtiges Unternehmen. selbst im Bereich der Technik und der Wirtschaft, wo doch manches berechenbar ist, werden nur zurückhaltende Voraussagen gemacht. Und selbst diese müssen oft revidiert werden. In geistigen Bereichen kann man viel weniger voraussagen. Ich will nicht so tun, als wüsste ich, wie es mit der Kirche im dritten Jahrtausend aussehen wird. Dass wir ins dritte Jahrtausend gestartet sind, mag uns mit einem Seitenblick auf andere »tausendjährige Reiche« mit einer gewissen Gelassenheit erfüllen. Die sind ziemlich schnell in den Kurven der Weltgeschichte entgleist. Aber diese Gelassenheit heißt nicht, dass wir uns den Blick in die Zukunft ersparen dürfen. Wir müssen den Heiligen Geist bitten, dass er uns auf der einen Seite ein tiefes Verstehen der Offenbarung schenkt und auf der anderen einen nüchternen Blick für die Situation von heute. Vielleicht gelingt es dann, für das Morgen die richtigen Akzente zu setzen. Wie ich einmal in meinem Heimatbahnhof gewartet habe, ist mir ein Gedanke gekommen, der vielleicht etwas Skurriles an sich hat: Ich habe den Bahnhof mit den vielen einlaufenden, rangierten und auslaufenden Zügen mit einer Ortskirche verglichen. Sie ist auch so etwas Ähnliches wie ein Bahnhof. Auch in diesen Bahnhof einer Diözese laufen die Züge von gestern ein, beladen mit dem Segen und der Last der Vergangenheit, werden aufgehalten, vielleicht neu zusammengestellt und erweitert, erhalten hie und da neues Personal und setzen die Fahrt in die Zukunft fort. Ich habe meinen Heimatkirchenbahnhof kennen gelernt, angefangen vom kleinen Verschubdienst in der Seelsorge, und darum steht mir viel Konkretes vor Augen, wenn ich über die Geleise ins Morgen nachdenke . Wohin sollen sie führen, die Geleise in die Zukunft der Kirche? Sinnbilder © Tyrolia-Verlag, Innsbruck. Abdruck (analog oder digital) nur mit schriftlicher Genehmigung des Verlags, Anfragen an:

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