" Ich weiß, wie das gewesen ist!"
Der kleine Martin in der 1. Klasse fuchtelte aufgeregt mit erhobener Hand. Es ging um die Erzählung von der Heilung des Gelähmten.
„Also“, sagte er und stemmte die Daumen unter die Hosenträger, "das war so: Der Jesus war in einem Haus zum Predigen- und da bist glatt nimmer einikemmen, soviel Leut' waren da. Dann haben sie einen Gelähmten daherzaart ( = dahergezerrt) ... "
„Was ist denn das, ein Gelähmter?"
„Der kann nimmer gehn. Wie dem Franzl sei Großvater ... Dann haben sie also den Gelähmten zum Jesus hinbringen wollen, weil sie sich denkt haben, vielleicht kann er ihm helfen. Aber glabst vielleicht, die andern hätten ausg'stellt? Naa - stehn bl ieb'n sein sie wia die Stöck'! Dann haben sie a Loater (eine Leiter) g'holt und haben ihn aufs Dach aufi. Und dann hab'n sie a Loch ins Dach g'macht und hab'n ihn genau vor den Jesus abilass'n. Und der Jesus hat ihn ang'schaut, und dann hat er g'sagt: Deine Sünden sein weg!!"
„Da hab'n sich die andern im Zimmer denkt: Was redt denn der für an Bledsinn? Der kann ja gar koane Sünd'n wegnehmen, des kann ja Iei der liebe Gott!
Da hat sie der Jesus ang'schaut und hat g'sagt"- und nun begannen die Augen des Martin zu blitzen, und sein Mund verzog sich zu einer gewissen Verachtung"
Was kann i nit?? Jetz werd i enk zoag'n, was i kann!
Und dann hat er zum Gelähmten g'sagt: Steh auf und geh hoam! Und dann ist der aufg'stand'n und hoamgangen!
Aber dann seins dag'sess'n, die Frisöre!"
Die "Frisöre" waren natürlich die Pharisäer.
Martin, der die Geschichte mit jener meisterhaften Dramatik erzählt hatte, zu der Kinder nur dann finden, wenn sie im Dialekt reden dürfen, hat das völlig fremde Wort mit einem bekannteren vertauscht, und so kam ein ehrsamer Berufsstand in eine etwas merkwürdige Rolle im Neuen Testament.
Aber die Erinnerung an die etwas dumm dasitzenden "Frisöre" verläßt mich nicht. Strenggenommen waren auch die Pharisäer ein durchaus ehrenwerter Berufsstand, der sich um die Bewahrung des jüdischen Glaubens bemerkenswerte Verdienste erworben hatte und der in seinen Reihen auch sehr respektable Mitglieder hatte. Die Gruppe, mit der sich Jesus auseinandersetzt und die bis heute das Wort 11Pharisäer" leider negativ prägt, war ein fanatisch-fundamentalistischer Flügel, der viel Geltungsdrang mit Kleinkariertheit verband, wie es immer so ist, wenn Würdebewusstsein und Horizont nicht ganz zusammenstimmen ... Die Frage ist eigentlich, warum die Auseinandersetzung Jesu mit diesen extremen Mentalitäten im Evangelium einen so großen Raum einnimmt. Als die Schriften des Neuen Testaments Gestalt annahmen, hatten die Pharisäer kaum mehr eine aktuelle Bedeutung für die junge Kirche. Warum also soviel Aufhebens? Ich ahne heute, warum. Und je länger ich den Lauf von Kirche und Welt betrachte, umso deutlicher wird es mir. Es geht gar nicht um die Handvoll Gegner Jesu, die in ungenauer Verallgemeinerung als " Pharisäer" bezeichnet werden. Es geht um die Echtheit des Glaubens schlechthin, um den Kern wahrer religiöser Haltung. Es wird sie nämlich immer geben- die Leute, die da meinen, ein menschliches Gebot sei wichtiger als ein göttliches. Es wird immer Leute geben, die da glauben, ihre aszetischen Leistungen stünden höher als die Gnade und Güte Gottes. Und immer wieder treten Menschen auf, die auf Grund ihrer höheren Bildung oder ihres erhabeneren Standes mit einer gewissen Verachtung auf die kleinen, einfachen Leute herunterschauen, wie damals einige Hochgestochene abwertend die einfachen Leute "Volk der Erde, das vom Gesetz nichts versteht" genannt haben. 42 "..... Es werden auch niemals jene aussterben, die für andere harte moralische Urteile haben, weil sie in Wirklichkeit mit sich selbst nicht ins Reine gekommen sind und in den anderen sich selbst bestrafen. Und es wird immer solche geben, die die Barmherzigkeit Gottes nicht begreifen, nur die von ihnen selbst geschaffenen Paragraphen. Weil es diese verbogenen Mentalitäten immer wieder gegeben hat und geben wird, in uns, in der Kirche und in der Gesellschaft, deshalb steht soviel von dieser harten Auseinandersetzung Jesu mit dieser Geisteshaltung, die man als " Pharisäismus" bezeichnet, im Evangelium. Vermutlich werden manche bis zum Weltgericht dem Herrn vorschreiben wollen, wo er verzeihen darf und wo nicht. Und wenn dann am Ende die ganze Woge der göttlichen Gte ber alle Lähmungen, Unzulänglichkeiten und eingestandenen Bosheiten der Menschheit hereinbricht, in einer Weise, die wir uns nicht vorstellen können, weil wir eben mit dem winzigen Feldstecher unseres Geistes die ungeheuren Energien der Sternenwirbel Gottes nicht zu erfassen vermögen - wenn also dieses ganze Wunder der Barmherzigkeit zum Schlußakkord ansetzt, jeden Hauch eines guten Willens umarmend - dann könnte ja der dramatische Satz des kleinen Martin wieder stimmen: II Dann werd'ns dasitzen, die Frisöre ... "
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