Es war in einer kleinen Bergschule, in der von sechs bis vierzehn alle Kinder auf den ziemlich grob gezimmerten Bänken saßen, umgeben von einer mehr als dürftigen " technischen Ausstattung", ohne Videorecorder und Overheadprojektor, aber mit einer beneidenswerten Aussicht von den Klassenzimmerfenstern über die weitgeschwungenen Bergketten in der Vormittagssonne- vor allem aber mit einer familiären Atmosphäre, von der man in den blitzenden Glas- und Betonpalästen der Pädagogik nur träumen kann. Es war einige Tage vor den Osterferien. Ich war gerade mit der langen Erzählreise über Abendmahlsaal, Ölberg und Golgatha bis zur Auferstehung zu Ende gekommen. Da hab ich an den Seppl in der dritten Bank die gewichtige Frage gestellt, was ihm denn an der Erzählung von Jesus am besten gefallen habe. Der Achtjährige, auf einem einsamen Hof eine Stunde hangeinwärts zu Hause, gab strahlend die Antwort: 110aß alles so gut ausgeht/11 Kinderantworten haben es manchmal in sich. Sie lassen aufhorchen, zwingen zum Lächeln - und zum Ernstwerden, und hie und da regen sie mehr zum Nachdenken an als so manches Expertenblabla . . . " Daß alles so gut ausgeht ... " - der Bergbauernbub hat damit unbewußt eine Ursehnsucht der Menschheit ausgesprochen. Beim Kind bricht diese Sehnsucht unbekümmert und ungebrochen durch. Es ist sozusagen plusgepolt- und macht kein Hehl daraus. Kinder wollen Geschichten, die gut ausgehn. Es ist ganz undenkbar, daß die Biene Maja in der fünfzigsten Sendung zertreten werden dürfte, oder daß Wickie schlußendlich irgendwo ertrinken könnte. Wer Kindern eine Geschichte erzählen will, bei der die Herzen mitschwingen sollen, muß über eine verfügen, die gut ausgeht. Die Schwierigkeit liegt nur darin, daß sich dann das Leben keineswegs an das Reglement von Kindergeschichten hält. Es geht durchaus nicht alles gut aus. Auf das unbeschwerte Hoffen des Märchenzeitalters fallen Schatten. Hinter die naiv-fröhlichen Erwartungen schleichen sich die Fragezeichen und wollen sich nicht mehr davonstehlen. Und wir machen die Erfahrung, daß die Welt nicht heil ist. Da gibt es Einzelschicksale, die auch einem Bischof jedes billige Trostwort vom Munde wischen. Es gibt Belastungen, gegen die man in der Tiefe des eigenen Herzens ratlos ist. Und es gibt schwere Wolkenbänke, die über allen lasten. Fast täglich zeigen die Nachrichten Szenen des Schreckens. Und jeder von uns weiß, daß in tausend Raketenschlünden der unvorstellbare Horror wie ein schläfriges Raubtier lauert, immer bereit, sich in Sekundenschnelle auf unsere Welt zu stürzen. Es ist nicht verwunderlich, daß in vielen Menschen die frisch-fröhliche Erklärung aus der Bergschule, daß "alles gut ausgeht", nur noch ein schwaches Echo findet. Es ist etwas Wahres an der Behauptung, daß die Versuchung unserer Zeit nicht der Stolz, sondern die Verzweiflung sei. Wenn man nur daran denkt, wie viele Schattenspiele es auf der Kulturszene gibt, in denen die düstere Seite des Lebens zum Ausdruck kommt ... Die leise Kinderstimme im tiefsten Grund der Seele, die die Sehnsucht nach dem Glück nie verstummen läßt und immer wieder zum Blühen bringt wie die Seerose auf dunklem Gewässer - von woher bekommt sie Antwort? Es nützt mir nichts, wenn mir ein berühmter Philosoph auf die Schulter klopft und klarmacht, daß man die Sinnlosigkeit eben zur Kenntnis nehmen müßte. Es hilft mir auch nicht, wenn ich mit raffinierten Versenkungsmethoden aus der Realität fliehe und in ein Nirwana entschwebe. Es sagt mir auch nichts, wenn ein Ideologe mir einzureden versucht, daß ich mich als Teilchen in einem gewaltigen Evolutionsprozeß der Gesellschaft sehen mü.te. Und irgendein feuchter Drei-Promille-Optimismus, der zwischen Heurigenrülpsern musikalische Gestalt annimmt, bringt mich auch nicht weiter. Und so gern ich die Natur habe, angesichtsdes Drüsenkrebses im letzten Stadium, den ich eben gesehen habe, vermag mich auch der Hinweis auf Frühlingsahnen, Blütenduft und Vogelgezwitscher nicht nachhaltig zu trösten. Das alles sind Gesten der Ohnmacht. Insofern hat der Spötter Voltaire recht, wenn er Menschen, die über das Leid nachdenken, mit Sträflingen vergleicht, die mit ihren Ketten spielen . . . Gesten der Ohnmacht! Nur einer hat das Dunkel der Erde, des Leids und des Todes mit der Dynamik der Allmacht durchbrachen: der Auferstandene. Und weil er nicht von unserer Seite kommt, der Seite der Ohnmacht, ist er der einzige, dem ich abnehme, daß doch alles - trotz allem - "gut ausgeht": Womit der kleine lodenbehoste Amateurtheologe von der dritten Bank doch wieder recht bekommt. Im Auferstandenen erfüllen sich die sonst zur Enttäuschung verurteilten Träume der Menschheit. ln den Ostertagen fahren auf dem Bahnhof des Daseins seine Züge ein, - auf dem Bahnhof, auf dem wir Verdrossene, Frustrierte, Heimatlose, Beladene, Suchende, Desorientierte und Unruhige herumstehen, uns am Buffet der Eitelkeiten langweilen und auf die verwirrenden Fahrpläne einer pluralistischen Gesellschaft starren. Mit ihm, dem Auferstandenen, kann man getrost die Lebensreise wagen und sich- im Wagnis des Glaubens- aufs Trittbrett schwingen: Seine Züge halten nicht im Tunnel. Immer wieder jagen sie aus dem Dunkel des Daseins in die ewige Sonne.
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