„Mutti, Weihnachten kann man riechen“, sagte das kleine Mädchen. An diesem Kinderwort, das ich einmal gehört habe, ist etwas Wahres dran. Kindernasen sind etwas feinfühliger als unsere abgestumpften, zivilisationsgeschädigten Erwachsenenriechorgane, aber wir alle werden uns erinnern, daß bestimmte Düfte, die durchs Haus gezogen sind, einen ausgesprochen festlichen und aufregenden Charakter hatten. Ein paar brennende Kerzen, einige Tannenzweige im Ofen, der Geruch von frischgebackenen Keksen – das alles ergab ein Bouquet, das die teuersten französischen Parfums ausgestochen hat.
Der faszinierende Duft
Weihnachten kann man riechen. Beim Gang durch Innsbrucks Altstadt, wo jedes Jahr der Christkindlmarkt seine Buden aufgeschlagen hat, muß ich nur ein paar Augenblicke die Augen zumachen, dann fällt mir die weltberühmte blinde Amerikanerin Helen Keller ein, die vor einem Menschenalter geschrieben hat, die Gerüche unter den Lauben der Innsbrucker Altstadt hätten sie so fasziniert, daß sie sie in ihrer unvergeßlichen Einmaligkeit immer wiedererkennen würde ...
Weihnachten kann man riechen. In der Heiligen Schrift und den uralten Riten der Kirche kommt auch der Duft zu seinem Recht, Weihnachten hat diesen Duft besonders populär gemacht. Um Weihnachten streicht er nicht nur um die Altäre, da wagt er sich auch in die Häuser und Wohnungen, und zwar nicht nur auf Berghöfen, wo man seit jeher alte Bräuche pflegt und in den drei Heiligen Nächten – am Heiligen Abend, um Silvester und vor Dreikönig – die Glut schwenkt, sondern auch in jungen Familien und im städtischen Milieu, wo man im Zuge einer neuen Familienkultur zur Freude der Kinder das kleine Räucherwerkzeug verwendet. Schließlich tun’s auch ein paar Weihrauchkörner auf einer heißen Platte, um die Feststellung des kleinen Mädchens wahr zu machen: Weihnachten kann man riechen. Wenn wir über solche Scherze vielleicht achselzuckend hinweggehen, müssen wir doch anerkennen, daß Kinder ein Gespür für urtümliche Symbole haben, auch für solche, die durch die Nase ziehen.
Ein bedenklicher Duft?
Natürlich gibt es gegenüber Weihrauch auch Vorbehalte; nicht nur der, daß ihn nicht jeder verträgt. Bei manchen löst Weihrauch eher negative Assoziationen aus, für die der Weihrauch nichts dafürkann. So mancher wittert hinter dem süßlichen Duft vielleicht sogar den Ausdruck einer Religiosität, mit der er nicht viel anfangen kann, möglicherweise sogar im Sinne des Ausspruchs: Religion sei „Opium für das Volk“, – wenn man es ideologisch formulieren will. Oder man empfindet die betäubenden Weihrauchschwaden als Symbol für ein übertriebenes Würdegehaben. Da ist was dran.
Mein höchst origineller, aber grundvernünftiger Pfarrer Dominikus Dietrich von Wilten hat mich nach der Primiz ein wenig beiseite genommen, um mir eine Lebensregel zuzuflüstern: „Reinhold, einen guten Rat will ich dir geben – mach beim Weihrauch keinen Brustzug, das verdirbt den Charakter!“ – Er hat diesen Weihrauchvorbehalt ganz richtig gespürt, weil er ein Kirchenmann mit großer Erfahrung war, und ich muß offen zugeben, daß in den höheren Etagen der Kirche manchmal zu viel inhaliert wurde ...
Der heilige Duft
Dem Weihrauch geschieht mit Mißbräuchen dieser Art großes Unrecht. Als der Weihrauch mit den Gaben der Drei Weisen aus dem heutigen Irak nach Bethlehem zur Krippe kam, hatte er bereits einen weiten Weg durch die heiligen Räume der Menschheit hinter sich, durch die uralten Kulturen des Orients. Er hatte ägyptische Tempel und Grabkammern erfüllt und war von babylonischen Stufentürmen zum Himmel gestiegen, wurde im heiligen Zelt Israels gestreut, und er hat das Allerheiligste des Tempels von Jerusalem durchströmt.
Das kostbare Harz, das auf den Karawanenwegen durch die Wüsten und Steppen Asiens herbeigeschafft wurde, war schon immer der stumme Gruß der Ehrfurcht, der aus der kleinen Welt des Menschen aufsteigt und sich in den Bereichen des Unsagbaren, der Transzendenz verflüchtigt.
Die Drei Weisen, die aus dem Heidentum kamen, haben ihn mitgebracht als jenes Symbol göttlicher Verehrung, das ihnen zur Verfügung stand. Eigentlich möchte man meinen, sie hätten ihn damit im Raum des Christlichen salonfähig gemacht. Aber ganz so einfach war es nicht. Auch vor zweitausend Jahren gab es Vorbehalte gegen den Weihrauch. Die Christen hatten erlebt, daß er vor größenwahnsinnig gewordenen römischen Kaisern gestreut wurde, als ärgerniserregendes Zeichen der divinisierten irdischen Macht. Darum kam der Weihrauch mit einiger Verspätung in den christlichen Gottesdienst. Es war ein langer Weg bis zum Ministranten, der heute stolz das Rauchfaß schwingt!
Zeichen der Anbetung
Doch der tiefste Sinn des Weihrauchs liegt darin: Er steigt als Symbol der Ergriffenheit vor dem Ewigen empor. Seine Wolken wandern den Weg des Herzens, das vor Gott erschauert. Er ist das Rauchsignal der Anbetung.
Darum ist es sicher richtig, wenn der Duft an diesem Abend aus dem Bereich des Sakralen ausbricht und in die Räume des Alltags wandert, in denen die Anbetung selten ein Gastrecht hat; ohne sie ist das Menschsein ein Torso. Diese kleinen Körner auf den Herdplatten und Kaminschaufeln, auf der Holzkohlenglut in den silbernen Rauchfässern der Ministranten und Sternsinger haben also eine hintergründig-mahnende Bestimmung. Sie möchten eine Atmosphäre des großen Verneigens verbreiten. Und da seinerzeit die Drei Weisen diese Geste vor den neugeborenen König der Welt aus den Traditionen der damaligen Weltreligionen gebracht haben, wäre das eigentlich ein Zeichen dafür, daß jeder zu dieser Verneigung vor dem Ewigen eingeladen ist, ganz gleich, woher er kommt. Weihrauch ist das uralte Symbol einer vom Unsagbaren ergriffenen Welt.
Wenn das am Heiligen Abend in unsere Herzen eindränge, bekäme eigentlich das Wort des kleinen Mädchens eine geradezu abgrundtiefe theologische Dimension: „Mutti, Weihnachten kann man riechen ...“
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