Heute habe ich einen etwas ungewöhnlichen Anknüpfungspunkt für eine Besinnung am letzten Abend des Jahres. Vor ein paar Tagen bin ich mit einem Bekannten ins Gespräch gekommen und die Rede kam auch auf den Silvesterabend, und er hat zu mir gesagt: „Weißt du, zu Silvester setzen wir uns zusammen und machen einen gemütlichen ‚Karter‘...“ Diese an sich belanglose Bemerkung hat mich nicht mehr losgelassen, der Gedanke mit dem Kartenspiel am Silvesterabend hat mich weiter verfolgt. Wie wird es gemischt sein, das Kartenspiel der Zeit, das Kartenspiel meines Lebens, das Kartenspiel der Geschicke? Was werde ich in die Hand bekommen, was wird ausgespielt und was soll Trumpf sein – die Karte, die alle anderen sticht?
Bleiben wir für eine Viertelstunde bei diesem Kartenspiel der Zeit und der Geschicke und achten wir darauf, was als Trumpf ausgerufen werden soll.
Eichel ist Trumpf!
Eichel war in Tirol seit eh und je die Symbolfarbe für das Negative, das Leid, das Unglück, den Misserfolg und die Enttäuschung. Nun werden wir alle im Kartenspiel des neuen Jahres auch Eichel vor- finden, der eine mehr, der andere weniger. Wir können die Eicheln nicht unter den Tisch verschwinden lassen. Sie sind im Spiel des Lebens. Aber Trumpf dürfen sie nicht sein. Weder das Böse noch das Leid ist die Karte, die sticht. Nicht einmal der Tod macht den letzten Stich. Sagt doch der heilige Paulus: „Tod, wo ist dein Stachel ...?“ Es gibt zwar viele Stimmen in unserer Zeit, die laut und leise sagen „Eichel ist Trumpf, diese Welt ist schlecht, die Gesellschaft ist schlecht, der Staat ist schlecht, alles ist schlecht wie die faule Birne auf der österreichischen Briefmarke.“ Aber lassen wir uns nicht von der Propaganda des Negativen und dem Geschäft mit der Angst überwältigen. Christus hat anders gesagt: „Habt Mut, ich habe die Welt überwunden ...“ Eichel ist nicht Trumpf.
Schell ist Trumpf!
Das sagen manche und meinen den Trumpf, der alles sticht und dem alles andere untergeordnet werden muss: das Geld, die Wirtschaft, die Prosperität, das Ökonomische – Nun, geben wir es offen zu, wir haben alle ganz gern ein paar Schellen in den Karten und wir wollen Gott danken, wenn sie einigermaßen reichen. Das gilt vom Budget eines Haushalts bis zum Kirchenbudget. Manchmal sind die Schellen zu ungleich verteilt. Es gibt viele, die nur einen mageren Schell-Siebener in ihrem Spiel haben, und bei einigen fehlt er ganz. Ich weiß, dass man schnell mit der Antwort bei der Hand ist: Die sind selber schuld. So einfach ist das nicht. Ich weiß, dass man nicht wahllos Schellen streuen kann und dass mit Geld vieles gar nicht leicht gelöst werden kann. Aber ich muss offen sagen, ich fühle mich in meiner schönen, warmen Wohnung am Domplatz einfach nicht ganz wohl, wenn ich daran denke, dass es in diesen kalten Winternächten in unserer Stadt Obdachlose gibt. Weil ich selbst viele hundert bitterkalte Winternächte im Freien verbracht habe, weiß ich, was das heißt. Irgendeine Notlösung für diese Jahreszeit müsste uns auch für die Sandler einfallen.
Obwohl die Farbe Schell wichtig ist, Trumpf ist sie nicht. Sie ist nie die Karte, die alle anderen sticht. Geld ist nie der Weisheit letzter Schluss. Das sagt auch der Herr: „Was nützt es einem Menschen, wenn er die ganze Welt gewinnt, dabei aber sich selbst verliert und Schaden nimmt?“ (Lk 9,25)
Laub ist Trumpf!
Viele meinen heute, das Grün der Bäume und Gräser, die Schönheit der Schöpfung, die Reinheit der Luft, die Klarheit des Wassers, die bedrohte Umwelt seien die wichtigsten, drängenden Probleme der Zeit. Wir zerstören Gottes Garten. Man kann´s verstehen. Man muss nur, wie ich es getan habe, die Leute besuchen, die es zufällig getroffen hat, unter einer Autobahnbrücke zu wohnen. Man muss nur die Liste der aussterbenden Tierarten studieren. Man muss nur die Brühe anschauen, die sich an den alten deutschen Domen vorbeiwälzt und die man einmal als wunderschönen Rhein besungen hat. Auch der Heilige Vater hat in seiner Weihnachtsansprache von der bedrohten Umwelt gesprochen. Sicher müssen wir schauen, dass mehr Laub ins Kartenspiel der zivilisierten Welt kommt. Aber ist Laub der Trumpf, der alles sticht? Die Umwelt ist ein wichtiger Teilbereich des Lebens, aber ihre Bedrohung liegt tiefer, liegt in uns. Der große Biologe und Anthropologe Joachim Illies hat einmal geschrieben: „Die sterbenden Wälder und die stinkenden Flüsse zeigen nur an, was in uns stinkt und stirbt.“ Schon das erste Paradies hat ja die Fehlhaltung des Menschen zerstört. Darum – sicher muss Grün einige Farbstiche machen. Aber es ist nicht der Trumpf, der alles sticht. Christus hat gesagt: „Euch aber muss es zuerst um sein Reich und um seine Gerechtigkeit gehen; dann wird euch alles andere dazugegeben“ (Mt 6,33). Wenn wir Trumpf ansagen, müssen wir ins ganz Wesentliche gehen und da bleibt nur mehr eine Farbe.
Herz ist Trumpf!
Damit kommen wir der Sache näher. Wer das Herz am rechten Fleck hat, wird mit den Eicheln zurechtkommen; wer ein Herz für andere hat, wird die Schellen gut verwalten; wer ein Herz für die Schöpfung hat, wird für sie eintreten. Unsere Welt und Zeit ruft nach Herz. Man möchte Mütter und Väter mit Herz, Partner mit Herz, Lehrer mit Herz, Krankenschwestern mit Herz, Beamte mit Herz, Politiker mit Herz, Priester mit Herz. Wenn man es genau nimmt, ist vernünftige, verlässliche, hingebende menschliche Liebe die größte Sehnsucht der Zeit. Herz ist gefragt, auch im religiösen Bereich. Man muss nur schauen, wie sehr heute im kirchlichen Leben jene Dinge ansprechen, die ans Gemüt gehen. Wenn ich am Silvesterabend zu rufen wage: Herz ist Trumpf! – dann hat das noch einen tieferen Grund. Hinter dem Kartenspiel des Lebens, hinter Eichel, Schell und Laub, hinter den Siebenern und den Assen, die uns die Geschicke mischen, hinter dem Leben, der Heimat, der Welt taucht ein Herz auf, das Herz des Herrn, das die Mitte der Welt ist. Und von diesem gottmenschlichen Herzen heißt es: „Der Ratschluss des Herrn bleibt ewig bestehen, die Pläne seines Herzens überdauern die Zeiten. Er will uns dem Tod entreißen und in der Hungersnot unser Leben erhalten“ (Ps 33,11.19).
Und darum ist Herz Trumpf, heute und morgen und immer.
Dieses Kartenspiel am Silvesterabend, das wir jetzt gespielt haben und immer wieder spielen werden, ist nicht nur eine kleine harmlose Unterhaltung, eine Tändelei, eine Zerstreuung. Es ist ein Spiel im Sinne jenes alten Liedes, von dem die letzte Strophe heißt:
„Drum Schwestern, Brüder, schließt den Kreis,
das Leben ist ein Spiel.
Und wer es recht zu spielen weiß,
gelangt ans große Ziel!“
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