Wer wühlt nicht gerne in den alten Diapositiven und Fotos, die von den Bergfahrten stammen? Auch wenn sie nicht meisterhaft sind – wenn man die Augen schließt und jene schöneren Bilder aufsteigen lässt, die die Kamera des Herzens auf den Film der Erinnerung geborgen hat, wenn die Gesichter, die Menschen, die Seilschaften, die Tiefblicke, die ziehenden Nebel, die Gewitter und die Rastplätze auf-tauchen, die Erlebnisse und Begegnungen, dann überkommt uns unwillkürlich das Gefühl großer Dankbarkeit.
Welcher Bergsteiger (der den Namen verdient) wird schon diesen Reichtum mit der Feststellung quittieren, das alles sei eben eine Kombination von Schicksal, Zufall, Organisation, Leistung, Ausrüstung und Technik gewesen? Nein, es war alles Geschenk: die Sonne nach der kalten Nacht, der kühle Jochwind nach dem heißen Aufstieg, der freundlich angebotene Schluck Kognak auf dem Gipfel, die erste Quelle beim Abstieg, die wohlige Müdigkeit, der feine Bergkamerad, der verlässliche Führer – alles war Geschenk. Und hier kommt das Bergerlebnis ein -wenig mit dem sonst so bedeutenden Psychologen Sigmund Freud in Konflikt, der gemeint hat, die Motivation zum Religiösen könne nur aus der Frustration kommen, der Glaube sei sozusagen immer nur Pflaster auf die Wunden des Daseins.
Er hat nur zum Teil Recht. Gewiss lehrt Not beten. Aber es gibt auch noch einen anderen Aufstieg zum Ewigen: das Geschenkerlebnis des Daseins. Und wer die Welt als Geschenk erfährt, fühlt sich zum „Danke“ gedrängt. Wer aber „danke“ sagen will, braucht ein „Du“. Zu einem „Es“ kann man nicht „danke“ sagen, weder zu einem Stein, noch zu einem Wasser, einer Wolke, einem Felsen, einer Natur, einem Universum, einem Schicksal, einem Zufall, einem Chaos oder einem Kosmos oder einem Irgendwas. Danken ist vom Begriff her persongerichtet. Wie hat ein weiser Mann einmal gesagt? – Es sei das größte Unglück des Atheisten, dass er nicht wisse, wem er danken solle …
Und so führen die Berge viele Menschen an jene Grenze, die man die Schwelle des Glaubens nennt. Und sie tun es so still und unaufdringlich, behutsam und vornehm, und gerade deshalb tun sie es so eindrucksvoll.
Die schlichte Inschrift auf einem Bergkreuz unter der Wildspitze lügt nicht, wenn sie sagt:
Viele Wege führen zu Gott – einer geht über die Berge!
© Tyrolia-Verlag, Innsbruck.
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