Bischof Stecher Gedächtnisverein

Friedensgruß

aus "Alles hat seine Zeit" - Seiten 76-79

Weihnachten bringt für einen Bischof eine Menge Verpflichtungen und Veranstaltungen, unter anderem auch die, im Gefängnis den Gottesdienst zu halten. Das Innsbrucker Gefangenenhaus liegt etwas außerhalb der Stadt, in einer an sich fast idyllischen Gegend am Waldrand, die als solche allerdings nur von außen wahrgenommen wird, nicht von den Insassen. Im Volksmund heißt die Strafanstalt der Justiz der „Ziegelstadel“. Das Haus ist in der Nacht von allen Seiten beleuchtet wie der Dom und die Hofburg, allerdings nicht aus ästhetischen Gründen. Im Inneren birgt es viel missglücktes Leben, Tragik, Verhärtung und Verbitterung, manchmal auch Einsicht und neue Hoffnung, Schicksale, Schuld und Unschuld. Ein Gottesdienst im Gefängnis hat eine Atmosphäre, die man sonst nirgendwo antrifft. Es ist schon merkwürdig und bedrückend, wenn man zur heiligen Handlung durch Gittersperren und postenbesetzte Tore schreiten muss und statt der Glocken die Schlüsselbunde rasseln. Der Saal ist mit den freiwilligen Teilnehmern gefüllt – es wird nicht nur der Glaube sein, vielleicht auch die Abwechslung im Zellenalltag – und dann ist Weihnachten. Da schlägt bei manchen tief unten etwas an, was sonst schweigt. Man steht etwas verlegen vor den Menschen, die in die Mühle der Justiz geraten sind. Es ist ja oft schwer, mit einer Versammlung unbekannter Menschen in Kontakt zu kommen, aber im Gefängnis empfindet man die Blockaden stärker. Unwillkürlich fragt man sich, was die von dem Mann da vorne am Altar wohl denken, der von ihrem Alltag meilenweit weg ist und nach dem Gottesdienst durch alle Sperren geht und mit dem Auto abrauscht in ein freies und geordnetes Leben, von dem manche hier nur träumen können.
Etwas ist mir in dieser belastenden Spannung des Gefangenenhauses zu Hilfe gekommen. Als ich dort den ersten Gottesdienst hielt, bereitete mir das Dienstpersonal einen sehr freundlichen Empfang. Und sie überreichten mir mit einer besonderen Feierlichkeit ein in rotes Leder gebundenes Dokument. Zu meiner Überraschung sah ich eine Ablichtung meines Einlieferungsprotokolls der Geheimen Staatspolizei vor mir, mit den üblichen Verbrecherfotos von vorn und im Profil.
Ich war in ehrenwerter Gesellschaft – mein Freund mit demselben Delikt des Widerstands gegen die Staatsgewalt durch Wallfahrt, und dann war da ein Mann wegen Postraub und ein anderer wegen Totschlag. Die beiden waren dann meine Zellennachbarn. Ich nahm das Dokument, von dem ich keine Ahnung hatte, mit einer gewissen Bewegung entgegen. Man betrachtet ja nach Jahrzehnten seinen eigenen Steckbrief in der Verbrecherkartei nicht ohne eine gewisse überwältigende Erinnerung. Aber es kam nun noch dazu, dass ich mit diesem Dokument sozusagen ein spät zu Ehren gekommener Häfenbruder wurde. Und das hat mir geholfen, beim Gottesdienst die zunächst gegebene Distanz ein wenig zu überwinden. Wenn ich der versammelten gläubigen Gemeinde mitteilte, dass mir durch monatelangen Aufenthalt gesiebte Luft, Fenstergitter, Schlüsselrasseln, Beobachtung durch den Spion und Pflichtrundgang vertraut waren, dann ging so etwas wie ein interessiertes Staunen durch die graugekleideten Reihen. Und ich durfte mir sogar einen Trost erlauben. Während zu meinen Zeiten nichts als Ungewissheit und Willkür herrschte, gibt es heute doch Gesetze, Verteidiger, Richter und Verfahren, bestimmte Fristen und Hoffnung auf Begnadigung. Das alles macht die Situation auch nicht leicht, aber völlige Wehrlosigkeit und Willkür sind noch schlimmer. Mir war nicht einmal ein Buch zu lesen erlaubt.
Ich war als Zelebrant vor den Gefangenen wirklich froh, dass zu meiner priesterlichen Ausbildung auch ein Semester Häfen gehört hatte. Man weiß wirklich nie, wofür die Dinge gut sind.
So ging also die Weihnachtsmesse auch in diesem Jahr gut über die Bühne, die Sängerknaben boten einen wunderbaren musikalischen Rahmen, und das „Stille Nacht, Heilige Nacht“ gelang sogar als Volksgesang.
Zum Friedensgruß ging ich durch die Reihen und schüttelte die Hände. Man erlebt dabei die ganze Skala der Gefühle, von reserviert-spöttisch über verlegen-gedrückt bis zu ergriffen-herzlich. Ganz hinten standen zwei Kolumbianer, verloren und verstört, weil sie kein Wort verstanden. Es waren zwei arme Teufel, die sich als Drogenkuriere anwerben hatten lassen, um mit ihren Familien den Sprung aus dem Elend zu machen. Aber am Flughafen Innsbruck war Endstation. Und jetzt saßen sie hier ihre Zeit ab. Ich nahm meine dürftigen spanischen Sprachkenntnisse zusammen und sagte: „La paz del Senor sea con vosotros“ – und erntete eine Umarmung. Ich habe später gehört, dass der Gefängnisseelsorger vor ihrer Freilassung den Einfall hatte, es sei doch unmenschlich, wenn man einmal im Leben aus irgendeinem kolumbianischen Slum nach Tirol käme und nichts anderes als Gefängnismauern gesehen habe. Er hat die beiden für einen Tag freigebeten und ist mit ihnen im Auto durch ein paar der schönsten Winkel des Landes gefahren. Es war sicher wirtschaftlich keine besonders effiziente Tourismuswerbung, aber ich muss gestehen, dass damit der Grundsatz „Gastland mit Herz“ in einer einmaligen Weise aktualisiert wurde.
Im Zuge des Friedensgrußes bin ich dann auf den Luis gestoßen. Der Luis gehörte zur Gilde der Innsbrucker Sandler, die beim Bischofshaus Stammkunden waren, weil ihnen meine gute Wirtschafterin gewisse Hilfen in verschiedenen Nöten bot. Der Luis begrüßte mich besonders herzlich. Nebenbei – ein Verbrecher im Vollsinn war er nicht. Aber er hatte im Supermarkt ein bisschen etwas mitgehen lassen, und da er schon mehrere gleichgeartete Vorstrafen hatte, hatte diesmal das Tragl Bier zum „unbedingt“ gereicht – als Gewohnheitstäter. Wenn er ein unbescholtener, geachteter Bankdirektor gewesen wäre, der ein paar Hunderttausend auf die Seite gebracht hatte, dann wäre er wahrscheinlich mit „bedingt“ davongekommen. Es kann allerdings auch sein, dass der gute Luis das Ding im Supermarkt gedreht hat, um über die kälteste Zeit ein anständiges Quartier zu haben. Es war ein kalter Winter und die Bundesbahn kontrollierte die abgestellten Waggons scharf. Jedenfalls begrüßte mich der Luis beim Friedensgruß hocherfreut als alten Bekannten.
Aber diese liturgische Handlung hatte weitreichende Folgen. Jedes Mal, wenn er mich später auf der Straße sah, kam er strahlend auf mich zu und sagte: „Herr Bischof, Sie haben mir im Ziegelstadel die Hand 'geben – wissen Sie’s noch?“ Und der Schlaumeier wusste natürlich, dass ich notgedrungen bei dieser rührenden Erinnerung das Geldtaschl ziehen musste und dass dem liturgischen Händedruck von einst nun ein anderer, materiell inhaltsreicherer zu folgen hatte.
Über diese berechnende Fortsetzung der heiligen Liturgie kann man natürlich lachen – aber manchmal sage ich mir mit einer gewissen Betroffenheit, wie viele Händedrucke man doch beim Friedensgruß gibt, die praktisch nur mehr ein Ritual sind, das keine weiteren Folgen hat. Und eigentlich müsste in dieser Geste doch so etwas wie eine immer bereite Zuwendung liegen. Der Händedruck im Ziegelstadel mit dem Sandler Luis war in dieser Hinsicht ein Denkanstoß.

© Tyrolia-Verlag, Innsbruck.
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