Bischof Stecher Gedächtnisverein

Erinnerungen an einen herzensguten Menschen

Persönliche Verneigung vor einem großen Menschen, Christen und Bischof

Es war vor ein paar Wochen. Ich holte Bischof Reinhold mit dem Auto von seiner Wohnung ab. Er wollte nach Innsbruck. Und wie immer nahm er das Notwendigste mit. Hut, Tasche, Schlüssel ... Und schon waren wir draußen vor der Tür. „Oh, ich hab noch was vergessen“, meinte er. Reinhold Stecher kramte in seiner Manteltasche und zog seinen Schlüssel hervor. Er sperrte auf, verschwand für kurze Zeit und kam wieder zurück: mit dem Rosenkranz in der Hand. Bischof Reinhold: „Den brauch i.“

Und wie er ihn brauchte. Bei anderer Gelegenheit erzählte mir Bischof Reinhold von seinen nächtlichen Pilgerwegen. Zu mitternächtlicher Stunde stand er auf, packte seinen Rucksack und ging von seiner Wohnung am Domplatz zu Fuß bis zu den Wallfahrtsorten Maria Wald- rast (rund 25 km) bzw. nach St. Georgenberg (rund 32 km).

Im Gebet die Welt durchmessen. Ein Mensch, der im Gebet seine Lebenswelt durchmaß. „Ich kann Dir genau sagen, wie viele Rosenkränze sich vom Dom bis nach Maria Waldrast ausgehen ...“, erzählte er. Was anderen der Kilometerzähler ist, war Bischof Reinhold der Rosenkranz. Er hatte ihn immer und überall bei sich und betete bei jeder Gelegenheit. So auch, als ich ihn in der Haller Altstadt traf. Er wollte mir die Hand geben, doch noch bevor er sie mir reichen konnte, musste er den kleinen Gebetsring vom Finger geben.
Bischof Reinhold lag das Gebet so nah am Herzen, dass er es nicht an einen bestimmten Ort, an eine bestimmte Zeit band. Wo immer möglich, war er im Gebet. „Am besten beten kann ich beim Schwimmen“, sagte er einmal.

Urgrund des Lebens. Beten war für Bischof Reinhold Stecher kein Verdrängen oder Verschieben an eine höhere Instanz. An einen Gott, der mit der Hand ins Steuerrad seines Lebens greifen würde. Worum es ging war, sich im Letzten mit dem Urgrund des Lebens in Verbindung zu bringen. Und daraus Kraft zu schöpfen. Wahrscheinlich ist nur so zu erklären, dass Bischof Reinhold mit so viel Leidenschaft und Feuer an der Arbeit war. So etwa, als es um seine Nachfolge als Bischof von Innsbruck ging. Wöchentlich einmal pilgerte er zur Wall- fahrtskirche nach Götzens. Dort vertraute er seinem innigst geliebten Katecheten aus der Zeit der Kindheit, dem seligen Pfarrer Otto Neururer, sein Anliegen an. Und als sich Nachfolger Alois Kothgasser zum ersten Mal in Innsbruck bei Reinhold Stecher vorstellte, unternahmen beide noch am selben Tag eine Wallfahrt nach Götzens.

Gott finden in allen Dingen. So innig wie Bischof Reinhold um einen guten Nachfolger betete – und auch später um eine gute Nachfolge für den scheidenden Bischof Alois – so sehr setzte er sich handfest dafür bei den zuständigen Stellen in Rom ein. „Kampf und Kontemplation“ gehörten für ihn selbstverständlich zusammen. Ebenso wie sein bischöflicher Wahlspruch „Dienen und Vertrauen“.
Diese Worte lebte er lange vor seiner Bischofsweihe in einer so charismatischen und glaub- würdigen Art, dass er für hunderte Menschen zu einem persönlichen geistlichen Begleiter wurde. Zu spüren bekam er dies regelmäßig vor Jubiläen. Dann wanderten täglich 50 Briefe und mehr auf seinen Schreibtisch. Und er beantwortete alle. Nicht irgendwie, sondern handschriftlich. Zumindest mit einem Dank versehen. So kam es, wie der Südtiroler Landeshauptmann Luis Durnwalder bei der Feier zum 90. Geburtstag von Reinhold Stecher sagte: „Immer wieder, wenn ich in Südtirol unterwegs bin, treffe ich Leute, die sagen: I bin a persönlicher Freund von Bischof Stecher.“
Den richtigen Ton. Das Geheimnis seiner Verbundenheit mit vielen Menschen war Stechers feines Gespür. In Briefen und Begegnungen versuchte er jenen Ton zu treffen, der gegen- seitiges Verstehen überhaupt erst möglich macht. Dass Bischof Reinhold mit so vielen Menschen über Briefe in Verbindung bleiben konnte ... Voraussetzung dafür war ein asketischer Lebensstil. Als amtierender Bischof wich er nur selten von seinem Grundsatz ab, später als 21 Uhr heimzugehen. Er wollte noch alle Briefe beantworten, die ihn am selben Tag erreicht hatten. Und dann leuchtete auf den Domplatz herunter das Licht von seinem Arbeitszimmer. Bis spät in die Nacht hinein. Ein Licht nicht nur hinunter auf den Domplatz. Bischof Reinhold versuchte jedem seiner Briefe größte und gleiche Aufmerksamkeit zu schenken. Oft wurden sie seitenlang. Im Versuch, sein Leben, und das meinte immer auch seinen Glauben, zu teilen.

Tirol unter den Füßen. Wir saßen gerade in der Redaktion beisammen, vor uns eine große Landkarte. Da stand plötzlich Bischof Reinhold vor der Tür. „Was macht ihr denn da?“, fragte er. „Wir planen eine Leserreise ins Ahrntal“. So schnell konnten wir gar nicht schauen, da zog Bischof Reinhold die Karte zu sich. Und ich kam aus dem Staunen nicht heraus. Er wusste beinahe zu jedem Weiler eine Geschichte, wusste von Bildstöcken, Gasthäusern, wo man gut isst und besser nicht hingeht, wo der Weg steil wird und welche Orte wir besser auslassen sollten.

Wie seinen eigenen Hosensack kannte Reinhold Stecher die Täler Tirols (Anm.: Er war auch auf beinahe allen großen Gipfeln. Allein 45 Mal etwa auf dem 3277m hohen Habicht) Und er lernte den Weg durch die Abgründe des Lebens kennen. Auf dem Weg der Protestwallfahrt nach Maria Waldrast, die ihm eine Haft bei der Gestapo einbrachte. Oder auf dem tausende Kilometer langen Rückweg von der Ostfront durch Skandinavien. Ein Weg durch viele dramatische Schicksale und Begegnungen hindurch. Und später bei 40.000 gehörten Beich- ten. Sie nährten in ihm ein Herz, das stärkte für den Einsatz um das gedemütigte, gefährdete Leben.
Reinhold Stecher. Ein herzensguter Mensch. Ein Gottsucher. Ein Freund. Einer, dem tausende Male „Vergelt’s Gott“ über die Lippen kam. Von ganz drinnen, aus dem Herzen. Nun dürfen wir es leise zurücksagen. Und uns dabei ebenso verneigen“.

Gilbert Rosenkranz, Thaur, im „Tiroler Sonntag“, 2013

Gilbert Rosenkranz
Chefredakteur „Tiroler Sonntag“

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