Bischof Stecher Gedächtnisverein

Dunkel und Licht in der Heiligen Nacht

1993

Dass Weihnachten ein schönes Fest ist, in dem das so oft zu kurz kommende Gemüt einmal voll zu seinem Recht kommt, ist kein Zweifel. Aber es ist auch gefährlich, es einfach in eine Idylle umzufunktionieren. In dieser Zeit, in der eben die weichere Seite des Herzens Saison hat, rieselt und duftet, kuschelt und flötet, klingelt und glänzt, flittert und flackert so viel um dieses Fest herum, dass darob die herbe, stille Größe des Mysteriums leicht ins Abseits geraten kann.

 

Eine Konfettiparade?

Und wenn man die reklamehaften Auswüchse von Weihnachten ins Auge fasst, dann hat es manchmal beinahe den Anschein, als wollte man das ewige Wort, „das sich vom Himmel auf die Erde schwang, als tiefes Schweigen das All umfing und die Nacht in der Mitte hielt ihre Bahn…“ (wie es das Buch der Weisheit so großartig ausdrückt), auf dieser Erde mit einer Konfettiparade begrüßen, wie die ersten glücklich gelandeten Astronauten.

 

Das „Höttinger Bild“

Das schwelgende Ausufern dieses Festes im Idyllischen hat also seine Gefahren. Trotzdem wage ich es, den besinnlichen Leser dieser Zeilen, zur Einstimmung auf den heutigen Abend zu einem sehr idyllischen Plätzchen unserer Heimat einzuladen. Tief unter der Frau Hitt und den steilen Waldzungen des Achselkopfes duckt sich in den Wäldern über Innsbruck das „Höttinger Bild“, eine kleine Marienwahlfahrtskapelle. Die jahrhundertealte Studentenwallfahrt hat ihren Intimcharakter und ihre Bescheidenheit immer bewahrt, und so hat das „Höttinger Bild“ viele Liebhaber bis zum heutigen Tag, und wer im Frühling bei erwachender Sonne eine Samstagmorgenmesse am Freialtar vor dem Heiligtum erlebt hat, beim Spiel der Sonne durch das grüne Blätterdach und Vogelgezwitscher, wird eine solche Stunde nicht so leicht vergessen.

 

Idyll mit Misstönen

Aber wenn ich, wie gesagt, Leserin und Leser für diese kleine Weihnachtsbetrachtung zu dieser Kapelle im Abseits der großen Stadt einlade, dann verlocke ich diesmal doch nicht einfach zu irgendeiner Wanderung in die Idylle. Im Jahr 1993 lugen am „Höttinger Bild“ keine Rehlein hinter den Bäumen hervor, und über den Forstweg herunter klingelt kein Schlitten mit Englein und Paketen… Das beliebt Heiligtum erzählt am Ende dieses Jahres 1993 nicht von Waldesfrieden und stillem Glück, sondern wartet eigentlich mit Grusel- und Horrorgeschichten auf, gerade so, als sei es von der wilden Jagd der dunklen Mächte in unserer Gesellschaft gestreift worden.

 

Eine traurige Serie

Es begann mit dem Versuch, den kleinen Opferstock auszurauben, der ja nicht gerade überwältigende Schätze birgt. Schlimmer war der Einbruch mit dem Diebstahl der Heiligenfiguren vom Altar, ein trauriges Zeugnis jenes Erwerbstriebs im Kunstbereich, dem buchstäblich nichts heilig ist. Es folgte dann eine Schmieraktion gegen die neurenovierte Kapelle – eine Orgie im Geiste jener Briefbombensympathisanten, die am wehrlosen kleinen Kirchlein ihre primitive Gesellschaftskritik zum Ausdruck bringen wollen, wenn man einer derartigen Aktivität einen so vornehmen Namen geben will. Und schließlich kam es im Kirchlein zu einer Bluttat, als der flüchtige Psychopath und Mörder eine ahnungslose Beterin niederstach.

Sag ich zu viel, wenn ich von der wilden Jagd der chaotischen Wirbelmächte unserer Zeit rede? Sind das nicht jene Phänomene, bei denen man nie genau auseinanderklamosern kann, was Alkohol, Dummheit, Aggression, Vorurteil, Primitivität, Bosheit, Psychopathie oder Dämonie ist? Das „Höttinger Bild“ hat jedenfalls von alldem eine Probe in diesem Jahr abbekommen, so wie wir alle tagtäglich mit diesen Neuauflagen des inhumanen Widersinns und des rätselhaften Bösen konfrontiert werden.

 

Es war immer so…

Und in das alles hinein fällt das Geheimnis der Heiligen Nacht, wenn ich heute  Abend um 11 Uhr da droben die Christmette feiern darf. Und dabei muss man sagen, dass das Ambiente des Geschehens von Bethlehem damals genauso wenig idyllisch war wie der diesjährige Hintergrund zum „Höttinger Bild“. In Bethlehem gab es nicht nur Engelreigen und das kurze, ergreifende Gastkonzert der großen himmlischen Philharmonie, es gab dort auch den höchst unromantischen Geruch der Armut, den kalten Hauch des Unbehaustseins und hinter allem die dunklen Wolken der Bedrohung durch eine misstrauische Staatsraison, durch die gefährliche Angst eines Tyrannen um seine Macht und das aus dieser Angst entspringende Kalkül, das uns auch vom Herodes der Geschichte bekannt ist.

 

„Der Herr lacht“

Darum taucht in den alten Choralgesängen der Kirche zur Weihnacht auch jener Psalm auf, den man im Umkreis der Krippenszene an sich nicht vermuten möchte: „Was toben denn die Heiden und schmieden Völker eitle Pläne zum Kampf wider Gott den Herrn und dem Gesalbten? Der Herr im Himmel lacht über sie…“ (Ps 2). Weihnachten hat von Anfang an diese herbe Seite. Es ist zwar ein wunderbar tröstliches Fest. Aber es ist ein Trotzdem-Fest. Gott wird trotz aller Nachtgespenster des Wirren und Bösen Mensch. Sein lieblich-leises Kommen in dem Stall von Bethlehem ist eine Initiative der Liebe inmitten von Lieblosigkeit. Es ist keine Flucht ins trauliche Reduit. Weihnachten ist auch Auseinandersetzung. Darum gehört zur christlichen Weihnacht auch das hellwache Sein. Auseinandersetzen mit dem Dunkel. Das Beladen des nächsten LKW für Bosnien genau wie das Kerzenanzünden am Baum, die Sorge für das werdende und der Schutz für das verlöschende Leben genauso wie die schöne alte Wiegenweise für das Christkind, das Eintreten für Flüchtlinge genauso wie das Anklöpfelsingen, die Initiativen um die Obdachlosen genau so wie das Strohsternekleben, die Bemühungen um Sozialisierung und Rehabilitierung genauso wie das Krippenbauen.

 

Der Stern blitzt auf

Der Stern der Weihnacht muss immer wieder über einer nächtlichen Welt aufblitzen, einer Welt des Leids und des Bösen – von Bethlehem bis zum „Höttinger Bild“. Und immer wieder wird das Traurige und Tröstliche aufeinanderstoßen. Ich wollte die Christmette  heute Abend vor dieser kleinen Waldkapelle einfach spontan deshalb feiern, weil ich wie viele Leser über das, was in diesem Jahr da oben geschehen ist, so schockiert war, vor allem über das blutige Attentat auf die „kleine Schwester“ des Charles de Foucauld. Vor einigen Tagen hat sie Innsbruck gesund und fröhlich verlassen, und sie hat mir lachend gesagt, ich solle alle Wallfahrer am „Höttinger Bild“ herzlich grüßen, und sie sollten sich durch das, was sie erlebt habe, ja nicht abhalten lassen, dorthin zu gehen – sie sei nach ihrer Genesung auch schon zweimal wieder droben gewesen. Vielleicht muss man dazu wissen, dass dieser Ordnen der kleinen Schwestern des Charles de Foucauld nach seiner Ordensregel verpflichtet ist, in die am wenigsten attraktiven Milieus der Welt zu gehen und dort das Leben der Bedrückten und Bedrängten zu teilen.

 

Lachen klingt nach

Darum ist sie schon wieder auf dem Weg in irgendeine trostlose Bannmeile einer Großstadt, also auf dem Weg in Richtung eines Stalls, in dem Christus von neuem geboren werden soll. Und das Lachen dieser tapferen Frau wird mich in diese Weihnachtsnacht begleiten, und es soll bei uns allen nachklingen, wenn um 12 Uhr dann die Glockenklänge aus Stadt und Land hinaufwandern zu den nächtlichen Bergen…

 

Bischof Reinhold Stecher in der Tiroler Tageszeitung, Weihnachten 1993

 

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