Bischof Stecher Gedächtnisverein

Bahnt Ihm die Straßen!

1989

Von meinem Schreibtisch geht der Blick hinunter in die Altstadtgassen, über die sich seit Wochen die Lichtgirlanden spannen. Die in Helligkeit getauchten Pflasterwege unter der Dezembernacht haben etwas Anheimelndes. Auf meinem Schreibtisch liegt aufgeschlagen das Buch des Propheten Jesaia, und darin ist auch von Straßen die Rede. Er singt dem Kinde von Bethlehem schon siebenhundert Jahre vorher ein Begrüßungslied: „Bahnt für den Herrn einen Weg durch die Wüste! Baut in der Steppe eine ebene Straße für unsern Gott! Ebnet den Weg, räumt die Steine beiseite…!“

Wo sind sie, diese Wege Gottes in unserer Zeit? Die strahlenden Geschäftsstraßen kann man wohl nicht ohne weiteres damit identifizieren. Gibt es in unserer Epoche so etwas wie ein Straßenbauprogramm Gottes? Zeichnen sich in Kirche, Gesellschaft und Weltbewusstsein von heute Trassen des Geistes und des Herzens ab, die man als „Straßen des Herrn“ bezeichnen könnte, Straßen, die nach Bethlehem führen und darüber hinaus in eine erlöstere Welt? Ich glaube, dass es dieses Straßenprogramm Gottes gibt. Nur liegt es meist im Schattendunkel unseres Bewusstseins. Also will ich heute, am Heiligen Abend, für diese großen Transitrouten Gottes die Beleuchtung einzuschalten versuchen. Sie verdienen wirklich ein paar Lichtgirlanden.

Zu diesem Weihnachtsfest 1989 wage ich dieses vielstrapazierte Wort vom Frieden mit einer größeren Zuversicht. Dieses Jahr wird in die Weltgeschichte eingehen. Und zwar nicht deshalb, weil man mit ihm mit großem Pomp und Getöse die Jubiläumsfeiern für die Revolution von 1789 angekündigt hat, bei der mindestens 600.000 Menschen ermordet wurden, sondern weil in den Straßen von Warschau, Budapest, Berlin, Leipzig, Prag und Preßburg ein viel größere Revolution stattfand, bei der Millionen gegen eine Jahrhunderttyrannei aufstanden, ohne dass eine Fensterscheibe kaputtging. Das grauenvolle Blutbad von Ternesvar geht zu Lasten der Unterdrücker, nicht der Protestierenden.

Die Friedenswelle hat doch viele Herzen verändert. Es gibt in unserer Welt so etwas wie einen gesunden Ekel vor der Gewalt. Und sie haben an den Straßen des Jesaia gebaut, die Hunderttausenden, die Hand in Hand die Menschenkette über ganze baltische Länder spannten, die Straßenzüge in der DDR und in Prag mit lächerlich winzigen Kerzen erhellten, die Organisationskomitees, die vor Altären und in Kirchengewölben tagten. Es ist ein weltgeschichtliches Wunder, Gottestrasse wird sichtbar. Auf diesem Weg kann man ausschreiten.

Seit damals, als Konrad Lorenz in seinen „Acht Todsünden der zivilisierten Menschheit“ darauf hinwies, sind über ein Phänomen ganze Bibliotheken geschrieben worden: Die sterbenden menschlichen Beziehungen in einer verstädterten, überorganisierten, übertechnisierten, computergesteuerten, sich auf enger werdendem Raum zusammendrängenden Menschheit. In einem derartigen Klima schwinden Anteilnahme, Einfühlung, Empathie, Hilfsbereitschaft und Zuwendung wie die seltenen Blumen auf Kunstdüngerwiesen. Aber es ist kein Zweifel, mitten in diesem fröstelnden Klima der Isolierung und Ausgrenzungen des Einzelmenschen gibt es Gegenbewegungen, Trassen mit vielen Fahrbahnen, aufbrechende Anteilnahme, Verständnis für Außenseiter, neue Sicht der Behinderten, Bewegungen, die sich weltweit der Unterdrückten und Vergessenen annehmen. Schon vor zwanzig Jahren haben Futurologen auf einem ihrer Weltkongresse diese Trasse in groben Zügen entworfen und gesagt, es sei wichtiger für das Glück der Menschheit, Menschen mit Herz und Fähigkeit zur Empathie, zur Einfühlung, zu erziehen, als nur auf rasanten technischen Fortschritt zu vertrauen. Es gibt diese Straße zum Herzen hin. Ich sehe sie vor allem in der Mentalität vieler junger Menschen, mit denen ich zu tun habe. Wenn man in meinem Alter versucht (was schwierig genug ist), sich von den fast zwanghaft einsetzenden Illusionen der Vergangenheitsvergoldung freizumachen, dann muss man zugeben: Diese Generation ist vielleicht weniger robust und weniger belastbar, als es unser raueres Geschlecht war – aber sie ist sensibler, wacher, mitfühlender, milder urteilend, verstehender und verstehensbereiter als wir es waren. Sie hat ihre Schwierigkeiten und Probleme, die anders akzentuiert sind, als es die unseren damals waren, aber auf der Straße zur Herzlichkeit schreitet sie freier aus. Ich muss nur daran denken, wie manche junge Menschen sich eines Behindertentransportes annahmen, der in unsere Stadt kam… Alle Straßen der Herzlichkeit sind Trassen nach Bethlehem. Man darf auf ihnen getrost ausschreiten.

Was diese Trassenführung unserer Gesellschaft betrifft, erlaube ich mir ein wenig mitzureden. An dieser Baustelle komme ich nämlich häufig zum Handkuss bzw. werde ich eingeladen, eine Schaufel voll für den Unterbau beizusteuern. Wenn ich meinen Jahresterminkalender rasch durchblättere und zu sammeln versuche, was da an Themenwünschen geäußert wurde, von Ärzten und Sozialhelfern, Anästhesiologen und Gynäkologen, Tourismusfachleuten und Kreditinstituten, Junger Wirtschaft und Psychiatern, Alpenverein und Lions-Club, Bäuerinnen und Offiziersgesellschaft, Jungbauern und Dritte-Welt-Helfern – es kreist fast immer um die Frage: Wo sind die tragenden Werte, die entscheidenden Ziele? Was sollen wir tun, wo sind die Grenzen, die das Menschliche wahren? Dürfen wir, was wir können? Alles zielt auf die Urfrage hin: Was ist gut? Soweit ich mich zurückerinnern kann, ist diese Straße in Richtung Ethos noch nie mit derartiger Deutlichkeit aufgebrochen wie heute. Es scheint, dass am Ende des fortschrittlichsten aller Jahrhunderte angesichts der ungeahnten, fast erschreckenden Möglichkeiten des Menschen das Verantwortungsbewusstsein stärker ins Blickfeld kommt. Diese Trasse gehört Gott. Und sie hat viele Fahrstreifen.

Vor etwas zwanzig Jahren hatte ich ein Schlüsselerlebnis, das ich nie vergesse. Ich ging daran, aus der fast unübersehbaren pädagogischen und erziehungspsychologischen Literatur eine Bibliographie zum Thema „Erziehung zur Ehrfurcht“ zusammenzustellen. Ich musste kapitulieren. Es war keine Schublade da für diese erzieherische Anliegen, nur in Spurenelementen fand sich das Thema da und dort verstreut. Da ist anders geworden. Ehrfurcht vor Mensch, Schöpfung und Schöpfer rückt wieder ins Zielfeld. Schon in der Sprache, dem untrüglichen Thermometer einer Zeit, ist es zu spüren. Das einst so selbstbewusste Vokabular des Fortschritts wird nur mehr zögernd und sehr einschränkend gebraucht: Erschließung, Ausbau, Nutzung, Pioniertat, Entwicklung, Steigerung, Zuwachsrate… Andere Worte sind modern geworden, erhalten Öffentlichkeitsrecht, nisten auf Abgeordnetenpulten und wandern in Gesetzestexte: Behüten, Schützen, Schonen, Ruhezone, Schranke, Schutzgebiet, Umweltverträglichkeit, Umweltfreundlichkeit…

Aus der verachteten Drecklacke meiner Jugend ist ein kostbares Biotop geworden, das wahre Wunder des Lebens birgt. Wunder, die für stundenfüllende Fernsehfilme reichen. Die Straße der Ehrfurcht vor der Schöpfung ist in vollem Bau. Und es ist sicher eine Straße Gottes in der Welt von heute. Auch eine Straße zum Menschen. Sie lässt hoffen, dass Zerstören und Töten immer weniger „in“ wird. In allen Bereichen.

Das ist wohl die Straße, die Jesaia besonders am Herzen lag: jene Bahn, auf der das Menschenherz in die Ewigkeit zieht. Wie steht’s mit dieser Straße in unserer Zeit? – Eines ist augenfällig: Auf der Hälfte dieser Erde ist die Staatsmacht und ihre Ideologie nun siebzig Jahre lang mit allen Bulldozern aufgefahren, um diese Straße zur Transzendenz einzuebnen. Das Unternehmen hat vielen gläubigen Menschen unsägliches Leid gebracht. Aber das Ergebnis war kläglich. Aus Kellern und Kolchosen, aus Lagern und Gulags, aus Forschungszentren und hohen Schulen steigt der Glaube wieder auf. Jahrelang sind sie am 1. Mai an den dunklen, gesperrten oder zweckentfremdeten Kirchen vorbeigebraust, die Panzer und Raketenlafetten und die exakten Marschstiefelklopfballette mit dem dröhnenden Schritt. Aber jetzt glimmen in den dunklen Kirchen die Kerzen auf, und Menschen drängen sich in ihnen. Die Straßen zur Transzendenz haben alle Paradeplätze und Aufmarschstraßen der Gottlosigkeit überquert und überdauert. Gott lässt sich seine Straßenbaukonzepte auch nicht von irgendwelchen Politbüros und Stasi-Zentralen streichen.

Und der Westen? Haben hier nicht die Avenuen und Prachtstraßen des Wohlstandes die Wege zu Gott überdeckt oder in enge Seitengassen abgedrängt? Manchmal scheint es so. Und doch – wie hat ein Schweizer Psychotherapeut, der seine Praxis in eben einem dieser Zentren von Business und Reichtum ausübt, kürzlich zu mir gesagt? „Spätestens bei jedem dritten Gespräch bin ich mitten im religiösen Problem…“

Manchmal mag die Straße zur Transzendenz in unserer Gesellschaft eine Unterflurtrasse sein, aber die verschwindet nicht. In tausend Sehnsüchten tritt sie immer wieder hervor. In aller Welt brechen die Sucher und Wallfahrer auf, im wirklichen und im übertragenden Sinn.

Es gibt also nicht nur die girlandengeschmückten Altstadtgassen, die mit ihrem traulichen Schein eine fröhliche Weihnacht zuflüstern. Es gibt in unserer dunklen Welt auch die Straßen des Jesaia, die großen Trassen Gottes, auf denen die Menschen dem Heil zuwandern, das in der Nacht von Bethlehem auf die Erde kam…

 

Bischof Reinhold Stecher in der Tiroler Tageszeitung, Weihnachten 1989

 

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