Bischof Stecher Gedächtnisverein

Symposium: „Ein Jahrhundert Reinhold Stecher"

Biografie besteht den Faktencheck

Im Kaiser-Leopold-Saal der Theologischen Fakultät diskutierten am 15. und 16. Dezember 2022 Zeitzeugen wie Klaus Egger (ehemaliger Generalvikar), Esther Fritsch (Präsidentin der Israelitischen Kultusgemeinde von 1987 bis 2016), Wolfgang Palaver (Vorsitzender der Katholischen Jugend in den 1980er Jahren und Peter Stöger (Erziehungswissenschaftler und Schüler von Reinhold Stecher) mit Józef Niewiadomski über die Ära Stecher, die für das kirchliche und gesellschaftliche Leben in Tirol viele positive Impulse gebracht hat.

Zur Erinnerung: Reinhold Stecher erteilte der Ritualmordlegende um das Anderle von Rinn eine Absage (1985), verbot den damit verbundenen Kult in Judenstein, begründete das Komitee für christlich-jüdische Zusammenarbeit (1989) und unterstützte den Bau einer neuen Synagoge (1993). Stecher baute Brücken zu Andersglaubenden und Andersdenkenden. Die Universität Innsbruck verlieh ihm für Verdienste um die „Schaffung eines Klimas der Toleranz und des Dialogs" das Ehrendoktorat.
Bischof Reinhold Stecher war eine bedeutende Persönlichkeit der jüngeren Tiroler Kirchen- und Zeitgeschichte, da waren und sind sich alle einig. Er hat ohne Zweifel Spuren im Land hinterlassen und hat dem christlichen Glauben ein Gesicht gegeben. Mit seiner bescheidenen, leutseligen, herzlichen und humorvollen Art und seiner einfachen, bildhaften und zugleich tiefsinnigen Sprache hat sich Stecher schon in seiner Zeit als Religionslehrer und Religionspädagoge und dann auch als Bischof viele Sympathien erworben, weit über den innerkirchlichen Kreis hinaus.

Vielseitig begabt und mutig
Die Wissenschaftler – Historiker und Theologen wie Thomas Albrich, Manfred Eder, Georg Fischer, Ina Friedmann, Josef Gelmi, Peter Pirker, Dirk Rupnow, Roman Siebenrock und Paul Michael Zulehner – bestätigten nach monatelangen Studien und Recherchen Stechers Ruf als ausgezeichneter Theologe, Seelsorger, Prediger und Autor. Der Südtiroler Kirchenhistoriker Josef Gelmi bezeichnete Stecher auf der Tagung als „einen der mutigsten Bischöfe Europas". Stecher habe sich immer dann zu Wort gemeldet, wenn Menschenrechte mit Füßen getreten und grundlegende Werte bedroht worden seien. So hat er die von der Bundesregierung geplante Abschiebung von Flüchtlingen aus Rumänien als „Deportation" bezeichnet und sich unmissverständlich dagegen ausgesprochen. 1993 beteiligte sich Stecher am „Lichtermeer" gegen das von der FPÖ initiierte Volksbegehren „Österreich zuerst". Kirchenintern mahnte der Bischof mehrfach Reformen ein (Änderung der Zulassungsbedingungen zur Priesterweihe, Diakonat der Frau). In einem international viel beachteten Brief warf Stecher Papst Johannes Paul II. vor, das „Image der Barmherzigkeit" verloren zu haben. Den Mut, kirchliche Missstände offen anzuprangern, hatte Stecher allerdings erst kurz vor seiner Pensionierung.

Ein „Lernender"
Stecher ist immer für eine offene, einladende und geschwisterliche Kirche eingetreten und hat viele soziale Impulse gesetzt. So hat er den Auf- und Ausbau karitativer Einrichtungen (Caritas, Vinzenzgemeinschaften, Arche, „Frauen helfen Frauen") unterstützt und Hilfsprojekte im In- und Ausland gefördert. Allein über die Benefizaktion „Wasser zum Leben" hat er durch die Versteigerung seiner Bilder an die 1,5 Millionen Euro an Spenden eingespielt. Stecher war ein naturverbundener, tiefgläubiger Mensch. Als solcher hat er auch immer wieder auf unsere Verantwortung für die Bewahrung der Schöpfung hingewiesen. Auch das gehört zu seinem „Erbe" und seinem Vermächtnis. Die kritische Betrachtung der Biografie durch Historiker und Theologen hat aber auch „Verschattungen" (Peter Stöger) ins Bewusstsein rücken lassen. Stechers Wertehaltung sei durchaus „konservativ" gewesen und habe innerhalb der Diözese wiederholt für Diskussionen und Auseinandersetzungen gesorgt. Stecher habe zwar das „grüne Telefon" für seine Mitbrüder im priesterlichen Dienst eingerichtet, um direkt erreichbar zu sein, die Gesprächsbasis sei dennoch nicht immer die Beste gewesen, so die Experten. Betont wurde aber, dass Stecher auch als Bischof „ein Lernender" geblieben sei und seine Haltung zu pastoralen Fragen den veränderten kirchlichen und gesellschaftlichen Entwicklungen angepasst habe. So sei er über die Jahre zum „Volksbischof" und zu einer moralischen Instanz geworden. Was für seine menschliche Größe spricht, Stecher hat sich für das Fehlverhalten der Amtskirche ebenso öffentlich entschuldigt wie von ihm persönlich verursachte Kränkungen. Im Zusammenhang mit dem christlichen Antisemitismus meinte Stecher, man müsse „ein Unrecht gutmachen, eine Verleumdung zurücknehmen und schlicht und einfach zugeben, dass man sich geirrt hat". Das gilt wohl in allen Lebenslagen und nicht nur für Bischof Stecher.

Jahrhundert-Bischof
Bischof Hermann Glettler bezeichnete seinen Vorgänger in einem Grußwort zum Symposium als „Jahrhundert-Bischof", als einen „Wegbegleiter und Wegweiser für unzählige Menschen", der die Lebens- und Glaubenskultur im Land nachhaltig geprägt habe, aber auch als einen „Brief mit Fragezeichen und Auslassungen", weil in einem langen Leben eben Vieles Ungeklärt und Ungesagt bleibe.
Mit dem Symposium endete der Veranstaltungszyklus zum 100. Geburtstag von Reinhold Stecher (1921) mit einer wertschätzenden, aber auch kritischen Betrachtung der Ära Stecher. Und das war gut so. Es geht ja nicht um einen verklärenden Blick zurück, sondern um die Frage, was bleibt und welche Werte, Anliegen und Projekte von Bischof Stecher sollen weiter bedacht, gefördert und unterstützt werden.

Das Grußwort zum Downloaden

Danke an die Organisatoren DDr. Mathias Moosbrugger (Institut für Bibelwissenschaften und Historische Theologie an der Katholisch-Theologischen Fakultät) und Dr. Dirk Rupnow (Dekan der Philosophisch-Historischen Fakultät, Institut für Zeitgeschichte).

Teilen

Share Tweet Mail Whatsapp Xing LinkedIn

Mitglied werden

mehr dazu

Newsletter

Wenn Sie unseren NEWSLETTER erhalten wollen, geben Sie bitte hier Ihre Daten ein.

anmelden

Spenden

Wenn auch Sie Bischof Stecher in guter Erinnerung haben und ihm ein ehrendes Andenken bewahren möchten, dann unterstützen Sie doch unsere Arbeit.

Spenden

powered by webEdition CMS